An Tagen wie diesen

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An Tagen wie diesen | story.one

"An Tagen wie diesen", heißt es in einem Lied der Toten Hosen, "wünscht man sich Unendlichkeit". Aber doch nicht hier und jetzt, wo ich – zu schnell gefragt – nicht einmal mit Sicherheit sagen kann, welcher Wochentag heute ist. Irgendwie rinnen die Tage gleichförmig ineinander und mir durch die Finger. Noch ein Lied als aktueller Ohrwurm. Gesungen von Daliah Lavi in den 70er Jahren, ganz ohne Coronaerfahrung: „Für mich sieht der Sonntag wie Montag aus, der Alltag ist überall zu Haus, jeden Tag dasselbe Spiel ."

Wie komme ich wohl jemals wieder heraus aus dieser Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Endlosschleife? Den Tagen Struktur geben. Mir Ziele stecken. Selbst auferlegte Herausforderungen meistern. Und trotzdem auch die Freiheiten, den fehlenden Verkehrslärm und die gute Luft genießen, die die Restriktionen und der Rückzug aus gesellschaftlichen Verpflichtungen mit sich bringen. Nichts müssen, vieles können. Neues lernen. Wie Kuchenbacken zum Beispiel oder Gemüse einkochen. Kein Stress, kein Zeitdruck. Das hat schon auch was. Aufgefallen ist mir dabei an mir, dass durch diesen Schlendrian zuweilen die Konzentration ziemlich nachlässt. Verwirrung äußert sich in Form eines eingeschränkten Kurzzeiterinnerungsvermögens: Wo wollt ich gleich hin? Was wollt ich grad holen? Ein Umstand, der laut Psychiatern noch nicht besorgniserregend, sondern „neu normal“ ist. Supa! Nun habe ich mir zwar noch nicht, wie Angelika Hager im Profil beschreibt, mit Handcreme die Haare gewaschen. Dazu lagern die unterschiedlichen Pflegeprodukte in meinem Badezimmer einfach zu weit auseinander. Aber mit Conditioner hab ich es schon versucht und mich gewundert, dass das Zeug so nicht und nicht schäumen wollte…

Dieses und andere Hoppalas säumen die "Tage wie diese". Selbst Selbstgespräche sind erlaubt. Oder auch mit Bäumen, Pflanzen, Tieren, Haushaltsgeräten zu sprechen. In dem Zusammenhang bittet die deutsche psychiatrische Gesellschaft in einem fingierten Internetaufruf darum, sich um Derlei nicht allzusehr zu sorgen, sondern erst dann anzurufen und professionelle Hilfe zu suchen, wenn die Dinge zurückreden…

Das Internet und die dazugehörigen Betrüger laufen in "Tagen wie diesen" überhaupt zur Hochform auf. Meine medial mehrfach kolportierte Lieblingsepisode ist dabei, nach Bestellung und Bezahlung von Computerteilen stattdessen Tomatensoße geliefert bekommen zu haben. Na Mahlzeit!

Was bleibt, ist die Sehnsucht, der „Babyelefant“ möge endlich aus dem Weg gehen und ich dürfte wieder näher an Freundinnen und Familie heran. Mit Abstands-Kaffeekränzchen im Garten tasten wir uns langsam vor in Richtung "neuer Normalität". Schlimm für mich die Reiseeinschränkungen. Die Vorstellung, heuer nach Jahrzehnten erstmals nicht in unser canadisches Sommerdomizil zu können, macht mich unendlich traurig. Haben wir doch dort genaue jene Tage verbracht, an denen ich mir tatsächlich Unendlichkeit gewünscht habe.

© Caroline Kleibel 21.04.2020