Bye bye Spy

Sicher war „Auto“ nicht eines meiner ersten Worte als Kind. Ich hatte vielmehr über lange Jahre ein gestörtes Verhältnis zu allen fahrbaren Untersätzen, die kein Fahrrad waren. Geschwindigkeit fand ich bedrohlich, in Kurven wurde mir regelmäßig schlecht. Aber so richtig. Mag sein, dass es daran lag, dass die ältere Dame, meine Urgroßtante, Jahrgang 1907, bei der ich aufwuchs, selbst Autos nur von der Rückbank und mit Chauffeur kannte. Gerne und voller Stolz erzählte sie, von ihrem Pepitakostüm samt Hut, das genau zur Polsterung des Automobils passte. Einem der ersten, das seinerzeit für den Straßenverkehr in Innsbruck zugelassen worden war.

Selbst ging ich wohl ebenfalls davon aus, mich eher chauffieren zu lassen, als mich in die Niederungen des Selbstfahrens zu begeben. "Du würdest das eh nie lernen", meinte die Verwandtschaft. "Den Führerschein müsste dir schon das Christkind bringen." Das weckte denn doch meinen Widerspruchsgeist. Ich absolvierte heimlich die Fahrschule und legte mir das rosarote Dokument eingepackt untern Weihnachtsbaum. Groß war das Erstaunen, groß war aber nach wie vor meine Ablehnung, ja Angst, davor, mich selbst ans Volant zu setzen. Meine Fahrverweigerung hatte den Vorteil, dass meine Söhne schon im Vorschulalter allein mit Zug und Öffis unterwegs waren. Selbst rühmte ich mich, jeden noch so abgeschiedenen Ort öffentlich erreichen zu können. Vordergründig waren es Umweltschutzgedanken, in Wahrheit die blanke Angst davor, das Auto nicht bändigen zu können. In meinen Albträumen verwechselte ich Bremse mit Gaspedal, fuhr über Böschungen und gegen Hausmauern. Eine irrationale Panik, die sich bei den wenigen Versuchen als sich selbst erfüllende Prophezeiung erwies. Der Zwist war vorprogrammiert: "Bist du so dumm oder tust du nur so?" Wiederum zogen Jahrzehnte ohne Fahrpraxis ins Land, dafür zu 100% unfallfrei. Und dann wurde ich krank. In den schlaflosen Nächten im Krankenhaus waren irgendwann die quälenden Wachträume von Krankheit erschöpft, und ich fiel zurück in meine Autophobie. Doch dann geschah das Unerwartete. Ich träumte von einem eigenen kleinen roten Auto. Bei seinem morgendlichen Besuch erzählte ich meinem Mann davon und - noch immer kommen mir die Tränen - noch am selben Tag kaufte er mir ein Auto. Ein kleines, weißes. Mit rotem Fetzendachl. Jetzt blieb mir nichts anderes mehr übrig, als mich meiner Angst zu stellen und Gas zu geben. Was soll ich sagen? Es gelang auf Anhieb. Richtig verliebt war ich in meinen, wie er laut Kennzeichen hieß, SPY. Auf ständig länger werdenden Strecken begleitete mich mein kleiner Spion und verschaffte mir ungeahnte Freiheit. Nach sieben Jahren ist nun die Zeit, zum Abschiednehmen gekommen. Der Nachfolger ist ausgewählt, selbes Modell, andere Farbe. Eleganter, erwachsener. Auch wenn ihm zum Abschied vor Kummer die Benzinpumpe tropft, zur immerwährenden Erinnerung bleibt ja das Kennzeichen gleich. Ich freue mich schon auf Spy zwei.

© Caroline Kleibel