Der einsame Georg

Ich hab mit ihm gesprochen. Mit Lonesome George, der letzten Galapagos-Schildkröte mit dem sattelförmigen Panzer, der die Inseln ihren spanischen Namen verdanken.

Im 16. Jahrhundert waren die friedlichen Riesenschildkröten, Wahrzeichen der Inseln, noch zahlreich gewesen. Ebenso, als Charles Darwin auf seiner Forschungsreise im Herbst 1835 vor Ort entscheidende Erkenntnisse zur Evolutionstheorie sammelte. Im 20. Jahrhundert galt die Schildkrötenart, die giraffengleich den Kopf auf die stattliche Höhe von 1,60 Meter anheben konnte, bereits als ausgestorben.

Dann kam George. Woher weiß niemand. Wann genau, auch nicht. Im Dezember 1971 wurde er auf der Insel Pinta entdeckt. George bekam ein Gehege in der Charles-Darwin Station in Santa Cruz. Und täglich hunderte Besucher aus aller Welt. Findige Unternehmer machten ihn zur Galionsfigur eines T-Shirt Labels. Mit 50 Dollar fürs Leiberl um einen stolzen Preis. Aber es dient schließlich der guten Sache. Welcher? Na der Rettung des Planeten, der Artenvielfalt und wenn "wir nur achtsam genug auf den Abenteuergeist in uns hören, werden wir alle Teil der Lonesome George Überlebenslegende. Dann lebt er durch uns und kann gar nicht ausgerottet werden", wie es hoffnungsfroh in jedes Shirt gedruckt zu lesen steht. Echt jetzt? Solche Marketingideen haben für mich gleichermaßen was Anziehendes wie Abstoßendes. Tue Gutes und rede darüber? Sind zumindest 10% vom Verkaufserlös oder NUR 10% dem gewidmet, was man nachhaltig nennt.

Zurück zu meinem Gespräch am 1. Mai 2012. Seit langem fasziniert von seiner Geschichte, wollte ich George bei meinem Besuch auf Santa Cruz unbedingt kennenlernen. Ich ging der Führung voraus und da stand er am Rande seines Geheges und fraß. Sehr konzentriert. Wie leg ichs am besten an? Höflich stelle ich mich vor und erzähle, dass mein Mann und ich vor 25 Jahren geheiratet, uns die Reise als zweite Flitterwochen gegenseitig geschenkt haben. Sein Interesse ist mäßig. Kein Romantiker. Aber der trauten Zweisamkeit durchaus nicht abgeneigt. Freimütig berichtet er von den ebenso zahl- wie erfolglosen Paarungsversuchen. Sogar Schildkrötenmännchen hatte man ihm als Partner angedient. „Ich bin mir selbst genug“, sagt er zum Abschied und strahlt dabei große innere Ruhe aus. Eine Begegnung fast auf Augenhöhe. Ich mache noch ein Foto. Bevor der Rest der Truppe ankommt, wendet er sich rasch ab und verschwindet im Dickicht.

George, der letzte seiner Art, verstarb am Sonntag, dem 24. 6. 2012. Dass er keine Nachkommen gezeugt hat, war ihm persönlich wurscht. Die Wissenschaft sieht’s anders. Hat zum Glück genug DNA konserviert, um ihn in ein paar Jahren klonen zu können. Warum nur freut mich das so gar nicht? Weil es mich frappant an Stephen Kings Friedhof der Kuscheltiere erinnert. Alles im Leben hat seine Zeit und die kann eben auch ablaufen. Und wer weiß, vielleicht lebt ja nach dieser denkwürdigen Begegnung ein Stückerl Lonesome George in mir weiter.

© Caroline Kleibel