Der Froschkönig

Mein kleiner Sohn ist herzensgut (welche Mutter würde das nicht sagen?) Er hilft, wo er nur kann.

Da begab es sich, dass in der Volksschule ein Neuer in die Klasse kam: Aloisius. Ein seltsames Kind, ein Außenseiter, von allen gemiedenen. Nur meiner nahm sich seiner an. „Mama, der hat nie eine Jause mit und im Fasching war er als einziger nicht verkleidet. Können wir da was tun?“

Natürlich konnten wir. Beherzt packten wir Hosen, Pullover und T-Shirts in einen Sack. Und natürlich luden wir den Knaben zu uns ein. Fußball war damals gerade großes Thema. Irgendeine EM oder WM… Jedenfalls erzählte Aloisius ganz nebenbei, man habe sich das spannende Finale gestern abends im Schloss auch angesehen. Moment mal! Im Schloss? „Ja, bestätigte er treuherzig. Uns gehört doch das Schlosshotel Wetterstein.“ Ich war baff. Am nächsten Tag konsultierte ich die Klassenlehrerin, die mir bestätigte, dass die Familie alles andere als bedürftig war. „Es handelt sich um einen krassen Fall von Wohlstandsverwahrlosung, wenn Sie wissen was ich meine…“ erklärte sie kopfschüttelnd. Betroffen ob meiner eklatanten Fehleinschätzung packte ich kleinlaut den Kleidersack wieder aus und war froh, gerade noch rechtzeitig die Kurve gekriegt zu haben.

Der Freundschaft der beiden Buben tat der unerwartete Wohlstand des Aloisius (allein der überkandidelte Name hätte mich stutzig machen müssen!) keinen Abbruch. Mehr als einmal durfte mein Sohn in der Suite des Schlosshotels übernachten. Umhegt und umsorgt vom Personal. Ich erlaubte es, wollte ich doch meinem Sohn, der sich fühlte als hätte er den Froschkönig persönlich wachgeküsst, die Freude nicht verderben.

Seine Mutter besaß auch eine Stadtwohnung. Dazu, die beiden damals Achtjährigen dort übernachten zu lassen, stimmte ich nur zu, weil sie mir versicherte, selbst auch da zu bleiben. Trotzdem schlief ich unruhig und war schließlich hellwach, als um drei Uhr morgens das Telefon läutete und mir eine hysterisch Heulende gestand, sie hätte nur kurz die Wohnung verlassen und käme nun nicht mehr hinein. Der Schlüssel steckte innen und die Jungs rührten sich nicht. Als sie dann noch meinte, in letzter Zeit erpresst und von dunklen Gestalten verfolgt worden zu sein, begann ich zu flattern. Den Rest der Nacht verbrachten wir gemeinsam im Stiegenhaus, immer wieder läutend, klopfend, rufend und zugleich das Schlimmste befürchtend. Um sieben Uhr endlich versprach der Schlüsseldienst Erlösung. Übers Dach schwang er sich auf die Terrasse und schnitt mit der Flex unter Höllenlärm die Tür aus der Verankerung. Das ganze Viertel war munter, nur in der Wohnung rührte sich noch immer nichts. Jetzt kam endgültig Panik auf. So die beiden noch lebten und nicht entführt worden waren, mussten sie den Krach doch hören. Mit weichen Knien betraten wir ein Zimmer und noch eins und noch eins und durchs Bad und einen Ankleideraum das Schlafzimmer. Der Fernseher plärrte und zwei Schlafmützen schauten verdattert aus der Wäsche.

© Caroline Kleibel