Die Löwin Elsa

Reisen ist unsere Passion. Im Laufe der Jahrzehnte haben wir Länder aller Erdteile und Weltmeere bereist. Vom Australischen Christmas Island über Ecuador und die Galapagos Inseln, zu den Buckelwalen der Silverbanks vor der Küste der Dominikanischen Republik, bis hin zu den Ländern Süd-und Ostafrikas.

Oft gelang es mir im Nachhinein Reiseberichte in Zeitungen oder Magazinen zu platzieren, um so einen kleinen Beitrag zum Reisebudget beizusteuern. Einmal aber reiste ich mit Auftrag. Für einen großen deutschen Reiseveranstalter sollte ich in Kenia den Spuren der Joy Adamson folgen...

Joy Adamson, Tierschützerin und Umweltaktivistin der ersten Stunde. Ihr Buch und der Film „Born Free“ waren mir vertraut. Den oskarprämierten Titelsong trällerte ich schon im Kindergarten.

Am 20. Jänner 1910 als Friederike Viktoria Gessner im mährischen Toppau geboren, wuchs sie bei ihrer Großmutter in Wien auf. Vielseitig begabt studierte sie Musik, Malerei und Medizin. 1937 ging sie mit ihrem jüdischen Mann ins Exil nach Kenia. Vom ersten Moment an war sie von Afrika fasziniert. In dritter Ehe mit dem britischen Wildhüter George Adamson verheiratet, teilte sie seine Liebe zu Tieren und Natur. Joy war charismatisch und durchsetzungsstark. Anders hätte sie das raue Leben im Dschungel nicht meistern können. Sie zeichnete und schrieb über das reiche Erbe Ostafrikas und wurde zur Vermittlerin zwischen den Kulturen. Meine Reise ließ mich in ihre Welt eintauchen.

Erstaunlich sanft landet die kleine Cessna auf der staubigen Piste des Mughwango Airstrip im Meru Nationalpark. Paul erwartet mich am Ende der Gangway. Eine Abfertigungshalle gibt es hier mitten in der kenianischen Savanne nicht. „Where are you from?“ fragt Paul, während er meinen Rucksack auf die Ladefläche seines offenen Geländewagens hievt. „Austria“ antworte ich und schiebe vorbeugend ein „Not Australia“ nach. Wäre nicht nötig gewesen, denn Paul nickt wissend und strahlt: „Just like Joy!“ Der Jeep holpert durch weites Buschland, am Wegrand grasen Zebras und Gnus. Stolz erzählt Paul, dass der Meru Nationalpark mit seinen 13 Flüssen eines der artenreichsten Naturreservate Ostafrikas ist, und dass der Dank dafür nicht zuletzt Joy, der Österreicherin, gebührt. Elsas Kopje, die einzige Ökosafarilodge im Meru, wurde 1999 erbaut, ohne dass dafür auch nur ein Baum gefällt wurde. Die malerischen Chalets liegen auf den Mughango Hills, auf historischem Boden. Hier, „wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen“, wie Joy in ihren Memoiren schreibt, wilderten sie und ihr Mann George 1958 die Löwin Elsa aus. An Joy Adamsons Schreibmaschine zu sitzen, ihre Briefe zu lesen, Blumen auf ihr Grab zu legen war für mich tief berührend.

Ihrem abenteuerlichen Leben war kein Happy End beschieden. Am 3. Jänner 1980 kehrte sie von einer Abendwanderung nicht zurück. Was zunächst aussah, als sei sie von Löwen angefallen worden, stellte sich als eindeutig menschliches Verschulden heraus.

© Caroline Kleibel