Die PURE ZEIT

Wie ich die (pure) Zeit fand

Schon am Hinweg zu einem Wochenendausflug in die Steiermark war mir das Haus aufgefallen. Dicht an der frequentierten Durchzugsstraße, die besten Jahre deutlich schon hinter sich. Ein verwitterter Schriftzug an der Fassade verriet die vormalige Bestimmung: „PUTZEREI“. Am Rückweg noch einmal ganz langsam dran vorbei gefahren. Fast zum Verkehrshindernis geworden, doch ein zweiter prüfender Blick musste sein und war das Hupkonzert hinter mir allemal wert. Die acht Buchstaben zogen mich magisch an. Warum? Nein, ins Reinigungsgewerbe einsteigen wollte ich keinesfalls. Und doch keimte ein unbestimmtes „Will haben“ in mir auf.

Schnell hatte ich die Telefonnummer des zuständigen Gemeindeamtes herausgefunden und eine Dame am Apparat, die mein Interesse am Besitzer, an der Besitzerin des Hauses zunächst nicht richtig zu deuten wusste. War ich Baulöwin? Spekulantin? Wollte ich dem beschaulichen Ort Böses? Doch nur die rostige Aufschrift, aber das sollte mir erst einmal wer glauben. Ich wurde – sicher ist sicher – unter meiner Privatnummer zurückgerufen. Derart geprüft und für vertrauenswürdig befunden, bekam ich schließlich Namen und Anschrift der Hausbesitzerin. Ein reizendes Telefonat später – „Journalistin sind Sie? Und die Buchstaben wollen Sie? Ja selbstverständlich. Gern. Da brauchen Sie mir nichts dafür zu bezahlen!“, „Dann wenigstens einen Blumenstrauß zum Dank?“ – war ich fast schon stolze Eigentümerin des Schriftzugs, für den ich freilich immer noch keine schlüssige Verwendung wusste.

Da der Fundort und mein Wohnort gut 150km voneinander entfernt lagen, machte ich mich einige Tage später erneut auf den Weg. Gegen schlechtes Wetter hatte ich Ersatzkleidung eingepackt und Handschuhe. Aber Werkzeug zum Abmontieren? Oder gar eine Leiter… Wieder war das Glück mir hold und zwei zufällig vorbeikommende Burschen hatten nicht nur die nötige Steighilfe, sondern auch ein praktisches Brecheisen im Kofferraum dabei. Ich musste sie nicht lange bitten, schon nahmen sie - einen um den anderen, wie sie sich eben von der Mauer lösen ließen - die Buchstaben für mich ab. Und auf einmal lag sie vor mir, die „PURE ZEIT“. Die profane Putzerei war zur poetischen puren Zeit geworden.

Seither begleitet mich der Schriftzug. Gemahnt zur Achtsamkeit. Erinnert daran, dass viele Schätze im Verborgenen schlummern und nur darauf warten, gehoben zu werden. Dass es sich lohnt, manchen Dingen einen zweiten Blick, eine zweite Chance zu schenken und die guten Tage im Hier und Jetzt, die pure Zeit eben, noch viel öfter und intensiver zu genießen.

© Caroline Kleibel