Der verkaufte Bruder

Ich habe sie geliebt die Verdreher, Verleser und Verhörer meiner Söhne, die mich im Zuge ihres Spracherwerbs sooft zum Lachen gebracht haben. Und sie amüsieren mich, wenn ich daran denke, noch heute.

Es war auf einer Alm, wo es ja bekanntlich keine Sünd' gibt, als wir nach langer Wanderung in einer Hütte einkehrten. Der Blick in die Speisekarte führte beim Leseanfänger zu roten Ohren und schließlich zu der kleinlauten Frage, was denn "Brot mit Geschlecht" sei… "Brot mit Geselchtem" ward angeboten worden, aber in der Eile und blind vor Hunger konnte so ein Verleser schon einmal vorkommen. Toll fand ich den Wissensdurst, dass er sich zu fragen getraut hatte.

So gab es Kreationen wie "Ketchup für die Seele" oder die Erkenntnis, dass manche "Ohren Wände haben" und dass, wer lang fragt, lang irr geht: „Seh' ich in dem Kleid dick aus?“, wollte ich von meinem Älteren wissen. Seine mehr als diplomatische Antwort: „Kaum merklich, Mama…“

Die Filmserie Shrek war für unsere ganze Familie ein Renner. Das sympathische grüne Monster gefiel uns allen oder beleidigte unser Geschmacksempfinden zumindest weniger, als manch anderer Disney Kitsch oder Science-Fiction Schrott. Als die dritte Folge herauskam, war es somit abgemachte Sache, dass wir uns diese gemeinsam ansehen würden. Die Aufregung war groß, die Vorfreude ebenfalls und die Zunge schneller als der Verstand, was zu dem köstlichen Verdreher führte: „Mama, Papa, gell wir schauen uns jetzt im Kino Dreck schrei an.“

Mein Lieblingsmissverständnis, weil das konnte man eigentlich nur mit Humor nehmen, ereignete sich rund um die geplante Taufe des Zweitgeborenen. Nicht ganz drei Jahre auseinander war die Eifersucht des Ersten auf den Zweiten kaum zu handhaben. Er verlernte, was zuvor schon gut geklappt hatte, ein Rückschritt folgte dem nächsten und manche Störaktionen waren echt aggressiv. Das Familienleben verlief alles andere als harmonisch. Das Fest der Heiligen Taufe sollte uns wieder in die Spur und den Segen von oben bringen. Für einen Nachmittag im Februar war das Taufgespräch mit dem Pfarrer unserer Diözese anberaumt, Kaffee und Kuchen sowie alle nötigen Papiere vorbereitet, dem Sohn erklärt, der Herr Pfarrer würde seinen Bruder "taufen". In trauter Runde saßen wir um den Wohnzimmertisch. Das Baby im Maxi-Cosi, der Große im Hochstuhl. Und mit seinen knapp drei Jahren führte er das große Wort. Wie lieb doch sein Brüderchen sei, wie brav es esse und schlafe und nie weine. Das genaue Gegenteil alldessen war der Fall und so konnten wir Eltern uns nur über die plötzlich ausgebrochene Bruderliebe wundern. Das ganze glich einem Werbegespräch und war es aus der Sicht des kindlichen Schwadroneurs wohl auch, denn als uns der Herr Pfarrer verließ, uns zum Abschied die Hände schüttelte und die kleine Plaudertasche mit einem Kreuzeichen auf die Stirn segnete, brach es aus ihm voller Enttäuschung heraus: „Aber warum hat der Herr Pfarrer meinen kleinen Bruder jetzt doch nicht gekauft?“

© Caroline Kleibel