Einmal beißen

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Einmal beißen | story.one

Es gibt Situationen, die werfen einen dunklen Schatte auf unsere sonst größtenteils so harmonische Zweierbeziehung. Und obwohl ich das genau weiß, kann ich es nicht lassen oder vergess' es einfach, wenn es wieder einmal soweit ist…

Worum geht es? Ein Alltagsbeispiel. W. richtet sich eine herzhafte Jause. Auf seine Frage, ob ich nicht auch etwas möchte, lehne ich dankend ab. Wenn er dann neben mir den Parmaschinken hauchdünn aufschneidet, den parmigiano reggiano in mundgerechte Stücke bricht oder behände die Kapern und die süßsauren Essiggurkerln aus dem Glas angelt, kann ich nicht an mich halten. Es überkommt mich und ich bitte trotz besseren Wissens darum, nur einmal abbeißen zu dürfen. Was folgt ist ein strenger Blick und ein leise geknurrtes „War ja klar!“

Manchmal geht es einfach mit mir durch. Auch beim Trinken, wobei mir hier ebenfalls nichts anderes einfällt als unser running Gag: „Einmal beißen bitte“. Ein geflügeltes Wort mittlerweile. Ob bei einem Kügerl Bier zum Beispiel, das ich zuvor vehement abgelehnt hatte, bei einem Glas Rotwein oder auch bei hochprozentigeren Getränken, die ich an sich nicht mag, aber dennoch möchte ich „einmal beißen“. Und sei es nur, um mir selbst zu beweisen, dass mir Whiskey oder Vogelbeerschnaps noch immer nicht schmeckt.

Ganz schlimm ist es bei Süßigkeiten. Ich rede mir ja immer ein, Kuchen oder Schokolade nicht sonderlich zu mögen, aber kaum öffnet W. eine Packung der von mir zuerst ganz entschieden verschmähten Toblerone, kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Bitte nur einmal beißen“. Eine ganze Ecke wäre mir viel zu viel, aber einmal beißen geht immer. Und auf den Geschmack gekommen, sind dann alsbald nur noch die gelbe Dreiecksverpackung und das Staniolpapier übrig. Auch der Versuch, mich selbst auszutricksen indem ich einmal zu einem besonderen Anlass die Hülle hatte namentlich personalisieren lassen, half... genau gar nichts!

Wenn ich dann so in mich hineinhorche und versuch, mir einen Reim auf mein seltsames Verhalten zu machen, komme ich unweigerlich zu der niederschmetternden Erkenntnis, dass das ganze eigentlich nichts anderes ist, als massiver Selbstbetrug. Fast schon eine Lebenslüge, weil ich mir einrede, was nicht ausdrücklich für mich aufgetischt oder eingeschenkt wurde, schlägt nicht an. Wirkt sich nicht aus auf die schlanke Linie. Außerdem erspart man sich durch das von fremden Tellern Essen ja auch jede Menge Geschirr, beim Mittrinken das Glas. Da spiel dann der Umweltschutzgedanke mit herein. Weil weniger Abwasch…

Noch so eine Macke im Bezug auf vermeintlich figurschonendes Verhalten ist mir an mir aufgefallen. Ich esse nicht, ich koste nur. Immerhin ist es ja wichtig, zu wissen, wie das schmeckt, das man servieren möchte. Zu süß, zu sauer, zu wenig oder zu viel gesalzen? Und wenns dann endlich zum Essen wird und alle erwartungsvoll um den Tisch sitzen, dann mag ich selbst nichts mehr. Bin schon satt und wundere mich, dass ich vom Nichtsessen zunehme.

© Caroline Kleibel