Fort gehen...

„Heimat“, so formulierte es einmal der Existenzanalytiker und Professor für Evangelische Theologie in Berlin Günther Funke, „ist nur für denjenigen zu finden, der aufbricht – aus der vertrauten Umgebung, aus den eingeübten Gewohnheiten und Ritualen.“ Nur wer fortgeht, kann heimkommen. Für junge Menschen ist es deshalb wichtig, sich zu lösen, selbst um den Preis, damit einen Gutteil Bequemlichkeit aufzugeben. Dieser Anspruch stellt aber auch Eltern vor die schwierige Aufgabe, Kinder „ziehen zu lassen“, sie bei aller notwendigen Fürsorge nicht über zu behüten.

Ich wollte fort – nach der Matura ein Jahr in die USA. Ein Jungmädchentraum, doch als er sich anschickte, wahr zu werden - ganz plötzlich, ganz konkret, Geld gewechselt, Koffer gepackt - da kam vor dem ersehnten Abflug auf einmal ein Anflug von Angst. Angst vor der eigenen Courage. Und da war es meine Mutter, die den finalen Tritt versetzte. Wie dankbar bin ich ihr heute dafür! Das Auslandsjahr hat mein Leben geprägt. Verändert? Wer weiß, wie es sonst gelaufen wäre... Geprägt aber in jedem Fall – bereichert um Freundschaften, die heute, drei Jahrzehnte später noch aufrecht sind – dank eines regen E-Mail Austauschs aufrechter denn je. Bereichert durch ein internationales Netzwerk an Kontakten, die zunehmend auch beruflich bedeutsam wurden. Bereichert durch lebenslange Eindrücke und Erfahrungen. Freilich, ich hatte Glück. Glück mit der Gastfamilie, in die ich aufgenommen wurde, Glück mit der Organisation, der ich mich anvertraut hatte. AFS verfügte damals, Ende der 70er Jahre, schon über erhebliches Know-how in Sachen SchülerInnenaustausch - 1957 gegründet von amerikanischen Sanitätern, die im Krieg in Deutschland im Einsatz gewesen waren und die mit der ehrenamtlichen Gemeinschaft ihren individuellen Beitrag zu einem „Niemals wieder!“ leisten wollten. Es gab nicht viele Regeln, an die wir uns halten mussten, aber eine bestimmt mein Bewusstsein nach wie vor: In der Vorbereitung auf unser Auslandsjahr wurden wir dazu angehalten, bei der Beurteilung von Fremdem nur auf drei mögliche Varianten zu reagieren – nämlich, zu sagen, etwas sei „interesting“, also „interessant“, „different“, so in etwa „ungewöhnlich“, oder aber „educational“, lehrreich“. Mein Fehler damals war, dass ich diesen Leitsatz meiner Gastfamilie gleich zu Beginn anvertraut hatte, so dass sie von Stund an wussten, wie ein „different“ in Bezug auf den Geschmack einer kredenzten Mahlzeit zu bewerten war...

So viel habe ich gelernt fürs Leben. Deutlich habe ich gespürt, dass es ein Denken und Fühlen, über die heimatliche Moral hinaus gibt. Ich habe erkannt, dass es Anderes zu finden, zu empfinden gibt in der Welt und dass fremdartig nicht gleich abartig ist. Das Pendel richtig zu justieren zwischen den beiden Polen „zuhause ist es doch am Schönsten“ und einem romantischen „dort war alles besser“, hat einige Zeit gebraucht. Jetzt gelingt es mir an manchen Tagen schon ganz gut.

© Caroline Kleibel