"HAIR"

Abgesehen davon, dass das Musical in den späten 70-er Jahren auf seinem Erfolgszug durch die Welt in Innsbruck gastierte und ich die Songs bis zum Abwinken vor mich hin trällerte, hatten Haare für mich immer schon eine besondere Bedeutung. Meine Haarpracht als Mädchen und junge Frau war so stattlich, dass ich selbst von Fremden darauf angesprochen wurde. So entwickelte ich zu meiner langen, dichten, kastanienbrauen Pracht eine ganz besondere Nahebeziehung. Ich sah die Frisur als mein Asset und Markenzeichen. Kein Denken daran, dass das einmal nicht mehr so sein könnte. Haarverlust war für mich der Supergau. Das größte anzunehmende Ungemach. Aber soweit dachte ich damals noch gar nicht. Ich sah mich vielmehr bis ins Oma-Alter mit langem Zopf oder einer eleganten Hochsteckfrisur. Doch es sollte anders kommen.

Eine Krebsdiagnose später war mir klar, dass ich mich zumindest für einige Zeit nicht nur von meiner Gesundheit, sondern auch von meinen Haaren würde trennen müssen. Um dem Worst Case, der Glatze, vorzubeugen, wollte ich mich beizeiten um einen adäquaten Haarersatz umsehen. Das Unterfangen wurde zur Odyssee. Der einzige mir bekannte Laden war vorübergehend geschlossen. Als er wieder öffnete, wurde es auch nicht besser: „Tschuldigen 'S, dass ich nicht da war letzthin, aber sie sehen eh, bei der psychischen Belastung im Geschäft brauch ich einfach alle vierzehn Tage zwei Wochen Auszeit. Sie glauben ja nicht, wer da aller daherkommt“, meint die Friseuse lamoyant: „In welchem bedauernswerten Zustand die Leut oft san. Grad bei den Frauen is es immer ganz schlimm. Ein Mann mit Glatze kann sich noch immer an Schnurrbart wachsen lassen, aber die Damen…“

Sprach's und führte mich und meine Freundin, die ich als Beistand an meiner Seite hatte, in eine mit einem Duschvorhang diskret abgetrennte Minikabine voller Hutschachtel und einem halbblinden, schlecht beleuchteten Spiegel. Eine echte Wohlfühloase. „Zwengs der Diskretion“, wurde uns erklärt. „Und wenn ma nit glei was Passendes finden, müss ma halt bestellen. Aber das kann dauern…“ Lagernd waren dann genau zwei in Frage kommende Perücken. Eine davon ein schwarzer Bubikopf. Davon riet die Friseuse ab. Sie meinte, dass sich die Haut durch die Behandlungen grünlich verfärben würde und der Kontrast sähe dann nicht gut aus. Im Spiegel konnte ich tatsächlich schon eine leichte Grünfärbung im Gesicht erahnen. Das zweite Modell namens "Amstetten", eine massive rotbraune Lockenmähne, wäre wohl eine totale Persönlichkeitsveränderung gewesen. Quasi eine Vorwegnahme des späteren Filmhits „Heute bin ich blond“. Es kam zu keinem Kaufabschluss. Die offerierte Kahlrasur übernahm ich dann selbst eines heißen Sommersonntagnachmittags. Unter Tränen.

Doch bei der Erinnerung an unseren Besuch im Peppishop lachen meine Freundin Elke und ich noch heute, war er doch in einer ansonsten von großer Angst und Verunsicherung geprägten Zeit die einzig wirklich komische Episode.

© Caroline Kleibel