Herzogin Gabi

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Montag, 18. Juni 2012. Tags davor hatte ich mir unter Tränen in einem beispiellosen Kraftakt die letzten Haare vom Kopf rasiert. Zehn Tage hatte die Verschnaufpause nach der ersten Chemo gedauert. Nun sollte der zweite Behandlungszyklus beginnen. Nach kurzem Warten begleitete mich Schwester Angelika aufs Zimmer. Als sie die Tür öffnete, trat ich unwillkürlich einen Schritt zurück. Was war das für eine Erscheinung, der ich da völlig unvorbereitet gegenüberstand? Eine Frau im blauen Seidenkimono, lange lockige rotbraune Haare, gut 1,80m groß. Ich erschrak beim Anblick dieser makellosen Schönheit. Irgendwie waren alle anderen Patientinnen und Patienten auf dieser Etage gezeichnet – von der Krankheit, den Behandlungen, den Ängsten. Diese Grande Dame überstrahlte alle. Ich dagegen fühlte mich klein, unscheinbar, hässlich. Und doch stellte sich bald heraus, diese Krankenhausbegegnung war der Beginn einer kurzen wunderbaren Freundschaft.

Ein paar Wochen zuvor hatte meine Zimmerkollegin die niederschmetternde Diagnose metastasierender Brustkrebs bekommen, diese aber tapfer für sich behalten, da ihr Sohn unmittelbar vor der mündlichen Matura stand. Am Freitag hatte er bestanden, am Wochenende hatte man ausgelassen gefeiert und am Sonntagabend hatte sie sich geoutet. Nun war sie da, bereit, sich auf die Behandlung einzulassen. Wir unterstützten uns gegenseitig nach Kräften. Ich war ja im Vergleich zu ihr schon ein alter Hase, konnte mit nützlichen Tipps für den Klinikalltag aufwarten. Nachts, wenn das geschäftige Treiben verebbte, weckten wir die Geister der Vergangenheit und erzählten uns gegenseitig Geschichten aus unserem Leben, was bei aller Tragik fast sowas wie Schilager Atmosphäre verströmte.

Gabi war am 28. Mai 1963 in Wels geboren worden. Ihr Vater verstarb, als sie drei Jahre alt war. Von da an war die Mutter Alleinerzieherin von insgesamt neun Kindern, sechs Mädchen und drei Buben. Bei acht Geschwistern lernte man das Teilen. Aber da wuchs auch die Sehnsucht, es allein zu schaffen. Gabi war schließlich die Einzige, die in die weite Welt hinauszog – von Wels nach Salzburg.

Und dann der 21. Mai 2012. Der Einschnitt in ihrem schönen Leben. Die Zeit des Kämpfens. „Der Krebs ist kein Grund sich auf die Couch zu legen und nur darauf zu warten, dass sich der Gesundheitszustand verschlechtert!“ Klare Sätze. Kein Mitleidhaschen. An die Öffentlichkeit gehen, über den Krebs reden, von Erfolgen und Misserfolgen erzählen.

Ihre starke Schulter hab ich mehr als einmal gebraucht. Gabi konnte gut zuhören. Sie setzte sich aktiv für ihre Leidensgenossinen ein, war auf Ärztekongressen eine gefragte Interviewpartnerin. Spendete ihr Honorar an die Krebshilfe. Setzte sich medial für eine Verbesserung der desolaten Tagesklinik ein. Sie gründet eine Selbsthilfegruppe, erzählte, was Sache war. „Wir sind krank, aber wir sind am Leben.“

Bis zu jenem 9. Februar 2017, als sie sich für immer von uns verabschiedete.

© Caroline Kleibel