Hotel Mama

Wann beginnt das Leben? Mit der Zeugung, wie es das Christentum vertritt? Mit der Geburt, wie der Islam meint? Oder erst dann, wie der Rabbi sagt, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund gestorben ist?

Zwei Joghurts, ein halber Liter Milch, ein trauriges Salathäupl und die Reste der Gemüsesuppe von gestern Abend. Ein Blick in den leeren Kühlschrank genügt, um bereits am Morgen Wehmut aufziehen zu lassen. Seitdem beide Kinder aus dem Haus sind, wird der Kühlschrank zum unerbittlichen Maßstab unseres reduzierten Familienlebens. Jener Kühlschrank, der vor einigen Jahren beinahe durch ein größeres Modell ersetzt worden wäre, scheint nun in seiner unterkühlten Art festzustellen: „Die Jungen sind flügge, für die beiden Alten genüge ich allemal!“ Und Recht hat er, denn in den meisten Fällen kommen sie – die flügge gewordenen Jungen – nur noch an hohen Feiertagen, manchmal an den Wochenenden oder zu Familienfesten nach Hause zurück. Die Wohnung scheint auf einmal riesengroß, leer und brüllend ruhig.

Aber hatte ich mir nicht genau das immer gewünscht? Zu Zeiten, als ich noch verzweifelt versucht habe mich auf das Schreiben meiner Texte zu konzentrieren, während hinter mir die Türen knallten und zwei Nachwuchsmusketiere sich mit entwurzelten Yuccapalmen duellierten? Jetzt dröhnt die Stille in meinen Ohren und die Konzentration will sich ohne die vertrauten Hintergrundgeräusche erst recht nicht einstellen. F. ist schon vor ein paar Jahren nach Wien übersiedelt. Dann zog auch K. aus. Nach Graz. In eine WG. Mit Freunden. Das leere Kinderzimmer war wie ein weißes Blatt. Plötzlich war scheinbar wieder alles möglich. Und doch fiel es mir schwer, den ersten Schritt zu setzen. Den ersten Buchstaben zu Papier zu bringen. Da hing noch so viel in diesen vier Wänden. Und ich meine nicht die halb abgerissenen Poster oder die kreativ kreuz und quer hingepickten - hingeklebten? - Sammelsticker. Vor allem und ganz dick hingen da Erinnerungen. An Kinder, die schon ab und an wieder zu Besuch kommen würden, deren Lebensmittelpunkt nun aber woanders war.

Schön waren sie, die vergangenen zweiundzwanzig Jahre. Auch ganz schön anstrengend, konfliktbeladen, nervenaufreibend und voller Glücksmomente. In jedem Fall lehrreich. An jedem einzelnen der rund 8.000 Tage, die ich mit meinen Söhnen verbracht habe, hab ich etwas Neues gelernt – über sie, über mich, über die Welt rundum. Da gilt es nun eine Lücke zu füllen: die plötzliche Leere kann und muss Anlass für eine Neuorientierung sein. Für eine Rückbesinnung auf die eigene Beziehung, die eigenen Interessen, Freunde, Hobbys und (Reise)Pläne. Und der halbleere Kühlschrank löst auf einmal viel weniger Wehmut aus, als vielmehr Freude darüber, dass das geliebte Himbeerjoghurt noch an Ort und Stelle steht.

Was nichts an der Tatsache ändert, dass das Hotel Mama auch für die nunmehr erwachsenen Kinder stets geöffnet bleibt. Wenngleich gern gegen Voranmeldung und nicht rund um die Uhr.

© Caroline Kleibel