Ich weiß, dass ich nichts weiß

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Die Corona Krise ruft in mir Erinnerungen wach an eine andere erlebte Krise, den Reaktorunfall von Tschernobyl 1986. Im Mai des Jahres habe ich an der Universität Salzburg mein Doktoratsstudium der Publizistik und Psychologie abgeschlossen. Kurz zuvor, am 26. April 1986, war es im Ukrainischen Atomkraftwerk zum bis dato schwersten Unfall in der Geschichte der Kernenergie gekommen. Auch damals traten so wie heute umfangreiche Verhaltensregelungen und Sicherheitsvorkehrungen in Kraft bis hin zum Sandkistenverbot. Vor allem die Mütter von Kleinkindern im Freundeskreis waren zutiefst verunsichert.

Aus irgendeinem Grund, weil ich vielleicht nicht schnell genug am Baum war, wurde mir damals die zweifelhafte Ehre zuteil, im Rahmen der Promotionsfeier in der ehrwürdigen Großen Aula die Promotions- und Dankesrede zu halten. Unter dem Eindruck von Tschernobyl stellte ich die Frage nach der Verantwortung von Wissenschaft und Forschung und kam zu dem Schluss: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Scio me nihil scire.

Noch heute spüre ich den erschrockenen Blick meines Vaters im Rücken, als ich kurz vor dem Ende der Feier aufstand und in Richtung Podium ging. „Was hast du dir damals gedacht, Papa? Dass ich meinen Titel zurücklegen, für oder gegen etwas protestieren will?“ Wäre mir schon zuzutrauen gewesen. Was ich bewusst nicht tat, war mich im Namen aller Anwesenden bei allen Anwesenden zu bedanken. War ich doch der festen Überzeugung, dass gerade an diesem Tag jede und jeder selbst genau wusste, bei wem er sich wofür zu bedanken hatte und dass das an diesem Tag auch niemand vergessen würde. Nach meiner Rede wurde ich, quasi gleich von der Bühne weg, vom damaligen Rektor als neue Pressesprecherin engagiert...

Vor Dienstbeginn blieb noch etwas Zeit und die wollten wir – mein damals noch Freund, längst Mann – und ich für eine Abenteuerreise nützen. Wir entschieden uns für den hohen Norden Europas, für Lappland. In einer siebentägigen Wanderung durchquerten wir auf dem Patjelantaleden den gleichnamigen Nationalpark von Kvikkjokk in Schweden bis an die Norwegische Küste. 160 Kilometer zu Fuß über Stock und Stein mit all unserem Gepäck und Proviant. Ungleich verteilt auf einen 15 Kilo und eine 21 Kilo schweren Rucksack. Ein unbeschreibliches, wenngleich herausforderndes Erlebnis in Mitten wunderbar unberührter samischer Landschaft. Einsame Schutzhütten als Übernachtungsmöglichkeiten. Zahllose Bäche, deren Wasser als unbedenklich galt, als Trink- und Waschgelegenheit. Was angesichts des Reaktorunfalls und dessen Auswirkungen auf genau diese Gegend im Nachhinein betrachtet wohl doch nicht der Fall war.

Weil wir ja immer nach dem Warum und nach Erklärungen suchen, grüble ich manchmal, ob diese unbeschwerte Zeit am Ende den Grundstein meiner Lymphomerkrankungen 25 Jahre später gelegt hat. Aber, um an den Anfang der Geschichte zurückzukommen: Was solls, denn ich weiß, dass ich nichts weiß. Scio me nihil scire.

© Caroline Kleibel