Jüngst bei Gericht

In der Aufregung habe ich auf die gerichtliche Ladung vergessen. Warum Aufregung? Ich bin von Juristen umgeben. In der Familie, im Freundeskreis. Das ist doch täglich Brot. Aber eben nicht meins. Nun geht es um mich, um meine Zeuginnenaussage, die über Wohl und Wehe einer Freundin entscheiden kann, die sich nichts hat zu Schulden kommen lassen. Trotzdem wurde Klage gegen sie eingebracht. Ich fasse es nicht. Was ihr vorgeworfen wird, habe ich selbst miterlebt, bin dabei gewesen, weiß, dass es ganz anders war, dass die Anschuldigungen glatte Lügen sind.

Wir – ich sag immer „wir“, dabei bin ich nur Zeugin – haben eine fantastische Anwältin. Sie agiert engagiert, ohne dabei zu emotional zu sein, sie ist versiert und erfahren. Wird schon alles gut gehen und mich hoffentlich niemand nach der Ladung fragen. Auf dem Zettel standen allerdings auch die Angaben zum Verhandlungssaal und die könnten nun nützlich sein.

Gerichtseingang. Glasschleuse der Marke „Scotty beamen“. Handtaschenkontrolle. Die Ladung hätte ich anscheinend ohnehin nicht gebraucht. 1. Stock. Keine entsprechende Türnummer. Ein Mensch begegnet mir im Halbdunkel. Ich frage. „Nein, das ist noch nicht der 1. Stock, Sie sind erst im Halbstock.“ Nochmals zwei Treppen höher. Endlich die richtige Tür. Kein Stuhl, keine Bank. Kein gar nichts. Ich warte. Nach einer halben Stunde fliegt die Tür auf, ein Zeuge stürmt heraus, mit hochrotem Kopf an mir vorbei. Ich nehme am noch heißen Zeugensessel Platz. Name. Adresse. Geburtsdatum. Leichte Übungen als Aufwärmrunde. Ich antworte erstaunlich präzise. Dann geht die Vernehmung los. Die Richterin befragt mich zum genauen Hergang. Bedeutet mir zwischendurch immer wieder innezuhalten, weil sie meine Aussage per Diktafon protokolliert. Gar nicht leicht, in dem "Stopp-and go" den Faden nicht zu verlieren. Kurz, knapp, nur Fakten, nur auf Fragen antworten, nicht ausschweifen. Dieser Kommunikationsstil entspricht so gar nicht meinem Naturell, doch ich tue, wie mir geheißen ward. In diesem Ritual läuft alles anders als im wirklichen Leben. Der unverbindlich barsche Umgangston, das undurchdringliche Mienenspiel. Danach befragt mich „unsere“ Anwältin. Dann käme der Gegenanwalt dran, der während meiner Ausführungen wiederholt den Kopf geschüttelt und hektisch auf seinen Block geschrieben hatte. Oder doch nur gekritzelt? Er verzichtet. Keine weiteren Fragen.

Ist das nun gut oder schlecht? Ich habe gesagt, was zu sagen war. Nicht mehr. Hoffentlich auch nicht wesentlich weniger. Die Verhandlung wird nach drei Stunden geschlossen. Ich fühle mich komisch. Leer. Unsicher. Was war das jetzt? Das Urteil ergeht schriftlich. In ein paar Monaten. Wie unbefriedigend. Nach jedem Fußballspiel weiß man, ob die eigene Mannschaft gewonnen oder verloren hat, kann sich entsprechend ärgern oder freuen. Jetzt heißt es abwarten. Und Tee trinken. Aber das ist bei dem Wetter und zur Beruhigung der Nerven wahrscheinlich eh das Beste.

© Caroline Kleibel