Meine Wohnzimmerkarriere

„Du hast es gut, du arbeitest daheim“. So oder ähnlich klang der Schlachtruf wohlmeinender Menschen, die in der Tatsache des Büros im Wohnungsverbund die ultimative Lösung aller Probleme rund um Vereinbarkeit von Beruf und Familie sahen. Schlachtruf, jawohl, denn ich hab es stets als Kampfansage gewertet, als Ausdruck von Realitätsverweigerung wider besseres Wissen. Die Konstellation hat nämlich durchaus ihre Tücken. Sicher, es hört sich gut an. Kein Chef, der einem was anschafft. Dafür immer prompt zur Stelle, um Kinderwünsche zu erfüllen. Doch die Idylle trügt. Zum einen war das Umfeld nur allzu willens, den fehlenden Chef zu ersetzen, freilich ohne die Gratifikation eines geregelten Einkommens. Zum anderen lässt der oft gepriesene Vorzug: „Du kannst es dir einteilen“, leider außer Acht, dass Arbeit nicht weniger wird, wenn man sie vor sich herschiebt.

Von zu Hause aus beruflich tätig zu sein, schürt nagende Selbst- wie unterschwellige Fremdvorwürfe, in derselben Zeit nicht auch die Küche aufgeräumt, staubgesaugt, gebügelt, die Fenster geputzt oder einen Kuchen für den Kindergeburtstag gebacken zu haben. Arbeit und Leben ergänzen sich nicht harmonisch oder fließen irgendwie sinnstiftend ineinander, sondern sie kreuzen sich und kollidieren. Das beginnt mit der Selbstmotivation, führt über die notwenige Errichtung einer unsichtbaren Feuermauer gegen die zahlreichen Ablenkungsmanöver hin zum inneren Konflikt, nie gerade das Richtige bzw. vom Richtigen nicht genug zu tun und endet im steten Antreten gegen Vorurteile, die in ihrer Bandbreite von Missgunst bis Verständnislosigkeit reichen. „Dürfen meine Kinder heute zu dir? Ich hab im Moment so viel zu tun und du bist eh daheim.“ „Ihr Sohn hat Sie in der Schule als Giraffe mit zwei Handys gezeichnet. Sie müssen sich ihm mehr zuwenden.“ „Hoffentlich hab ich dich nicht geweckt, aber ich muss dir unbedingt erzählen, wen ich gestern abends getroffen habe…“ Gern doch! Und über alledem vergeht die Zeit.

Der Gefahr, daheim zu vereinsamen, sah ich mich hingegen nie ausgesetzt. Gegen das Wellensittich-Syndrom im Homeoffice half der Beruf an sich: Die beste Methode Leute kennen zu lernen ist nun einmal sie zu interviewen. Und einen zu einseitigen Blick auf die Welt ließen die tiefgründigen Gespräche mit der „next generation“ gar nicht erst aufkommen. Zu frauenbewegt? Prompt kam Abhilfe: „Mama, warum sind in der Mehrzahl eigentlich alle weiblich? Auch DIE Buben?“ Oder: „Mama, eigentlich ist Muttertag viel schöner als Weihnachten, weil man da nicht beschenkt wird, sondern selbst schenken darf.“ Geben ist seliger als Nehmen. Wenngleich nicht ganz neu, so doch ein schöner Gedanke aus Kindesmund. Wie wäre es zwischendurch mit etwas Ruhe geben gewesen? Mit mir Zeit schenken? Ruhe und Zeit hätte ich gebaucht zum Schreiben. Ich hatte weder noch und schrieb trotzdem. Vielleicht lag ja sogar genau darin der Reiz, in diesem täglich aufs Neue zu überwindenden Trotzdem.

© Caroline Kleibel