Menschen im Hotel

Es ist schon ungewöhnlich, in einem Hotel, wo andere Urlaub machen, quasi zu wohnen. Besondere Umstände bedingen besondere Maßnahmen. Und waren meine Lebensumstände damals im März 2015 auch gelinde gesagt nicht sehr erfreulich, so zählte die Zeit im Hotel doch zu den positiven Erfahrungen in dieser chaotischen Phase.

Meine Tumorerkrankung hatte sich den denkbar ungünstigsten Moment ausgesucht, um nach zwei gesunden Jahren erneut und mit aller Vehemenz aufzupoppen. Nicht, dass es dafür je einen günstigen Moment gäbe, aber dieser war eben besonders blöd. Wir hatten endlich unsere Traumreise zu den Tigern nach Indien gebucht, zum Teil schon angezahlt. Sei's drum. Wirklich unangenehm war, dass unsere schöne Wohnung, mein geliebtes Zuhause genau da dem totalen Zerlag anheimgefallen war. Die Erfahrung der 2012 ausgebrochenen Ersterkrankung, die Wohnung im dritten Stock nicht erreichen, bzw. einmal dort, nicht mehr verlassen zu können, war mehr als ungut. So hatten wir uns der Bürokratie gestellt und um den Einbau einer Aufstiegshilfe, sprich eines Lifts, an der Außenwand des Jahrhundertwende Ceconihauses im altstadtgeschützten Salzburger Andräviertel angesucht. Sprüche wie: „Das Haus besteht, der Mensch vergeht…“ führten mir meine historisch betrachtet geringe Bedeutung vor Augen. Trotzdem blieben wir dran und erreichten 2015 endlich die Baugenehmigung. Der Baubeginn war just zu dem Zeitpunkt angesetzt, als mich ein Rezidiv niederstreckte. Sicher, die meisten Wochen verbachte ich im Krankhaus. Doch gab es zwischendurch Freigänge, in denen ich zur Erholung in häusliche Pflege entlassen wurde. Nur war da kein Zuhause, die Wohnung schlichtweg unbewohnbar. Die Außenwand fehlte. Es zog wie in einem Vogelhaus, Lärm und Dreck waren unbeschreiblich und einer Genesung ganz und gar nicht förderlich. Da kam die rettende Idee, die Zeit doch im Hotel zu verbringen. Nicht in irgendeinem, sondern in dem kleinen, feinen Stadthotel um die Ecke, worüber ich in meinem früheren Leben schon hymnische Pressetexte verfasst hatte. Diese sollte ich nun auf ihre Authentizität hin prüfen. Für einige Monate checkte ich also dort ein. Mit dem beruhigenden Gefühl, dass im Ernstfall die rund um die Uhr besetzten Rezeption wohl schneller reagiert hätte als manche Krankenschwester. Highlight war das Frühstück, das mir bis zum Abendessen und darüber hinaus ausreichte. Ich genoss es, allein in meiner Ecke zu sitzen und die Menschen im Hotel zu beobachten. Den verheirateten Unternehmer, der sich hier zum Tete-à-tete mit seiner Geliebten zurückzog, Stars und Sternchen wie einen bekannten Opernball- und Radiomoderator, Günter Tolar oder Kabarettistin Andrea Händler. Und da war Personal, das mich auf Händen trug, meine Wünsche erfüllte bevor ich sie äußerte und mir meinen Zwangsaufenthalt so angenehm wie möglich machte.

Noch jetzt schnuppere ich gern die vertraute Hotelluft und kehre auf ein Frühstück unter Freunden zurück.

© Caroline Kleibel