"Mir war nie lustig"

Ein verstörender Satz aus dem Mund einer Frau, die jahrzehntelang Menschen zum Lachen brachte, sie mit ihrem hintergründigen Humor unterhielt. Diesen Nerv zu treffen bedeutete für Elfriede Ott „konzentriertes, ernsthaftes Gegenwärtigsein“.

Als Journalistin hatte ich das Glück, viele interessante Menschen (gibt es denn uninteressante überhaupt?) kennenzulernen. Zu den ganz besonderen Begegnungen zählte sicher jene mit „der Ott“, wie die wienerische Institution, Kammerschauspielerin, Sängerin, Nestroy Interpretin und Regisseurin liebevoll genannt wird. Selten schien mein Bild einer Interviewpartnerin so vorgefertigt, so gefestigt. Und noch nie lag ich so daneben.

Die Konzentration auf die Unterhaltung, die wir anlässlich ihres 80. Geburtstags in einem Wiener Kaffeehaus führten, fiel schwer. An einem Tisch mit Elfriede Ott zu sitzen ließ erahnen, was es heißt, „Person öffentlichen Interesses“ zu sein. Viele Blicke zog sie an, wissendes Kopfnicken. Zum Glück gab es noch keine Selfies. Ruhe kehrte erste ein, als am Nebentisch ein junges italienischen Paar Platz nahm, das uns etwas abschirmte. „Jungvermählte. Novelli sposi“, meinte Elfriede Ott fast mitleidig. „Ich hatte immer einen großen Freiheitsdrang. Die Fesseln der Ehe – das war mir ein fürchterlicher Gedanke, dieses aneinandergekettet sein…“. Und trotzdem war sie selbst zweimal verheiratet. Wie passte das zusammen? Bei der Ehe mit Ernst Waldrunn sei sie erst 25 gewesen. Hans Weigel war, wie man so schön sagt, ihr Lebensmensch. Sie hätten sich gefunden, zusammengelebt aber eigentlich immer nur gearbeitet. Geheiratet erst sehr spät.

Der Schlüssel zu ihrem Beruf sei die unerfüllte Sehnsucht der Mutter gewesen. Diese hatte unter der verpassten Gelegenheit, nicht selbst Schauspielerin geworden zu sein, gelitten. Ihren Traum sollte die Tochter erfüllen, und sie tat das mit großem Talent: „Ich habe als Kind beim Spielen immer Regie geführt, ich glaube, ich war zuallererst Regisseurin.“ Zwar hätte sich ihr Vater, ein Uhrmachermeister, für die Tochter einen ordentlichen Beruf gewünscht, sich aber schließlich gefügt. Ihren Erfolg konnte er nicht mehr erleben. Er verstarb auf tragische Weise beim Versuch sie davon abzuhalten, auf der falschen Seite aus dem Zug zu steigen. Dabei erfasste ihn der Entgegenkommende. „Ich bin am Leben, weil mein Vater tot ist“. Dieses Wissen war prägend für sie und gehörte zu allem, was sie tat.

Anders als viele Prominente, die routiniert vorgefertige Antworten liefern, denkt Elfriede Ott lange nach, als ich sie frage, warum ihre beiden Ehen kinderlos geblieben sind. Gerade so, als wäre ihr diese Frage noch nie gestellt worden, sagt sie: "Ich bin erst sehr spät ein reifer Mensch geworden. Nun braucht es ja nicht unbedingt Reife, um eine Familie zu gründen, manchmal passiert es einfach – bei mir ist es nicht passiert und schließlich war es irgendwann zu spät.“

Am 12. Juni 2019 ist Elfriede Ott 94-jährig verstorben.

© Caroline Kleibel