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Pronto Soccorso

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Pronto Soccorso | story.one

Unser erster Italienurlaub im August 1998 geriet zu einem veritablen Fiasko. Er dauerte keine 24 Stunden und bescherte uns einen Besuch in der Notaufnahme des Krankenhauses von Palmanova.

Die Vorfreude beim Vier- und Sechsjährigen war groß. Die Ungeduld ebenso. Kurz nach der Stadtgrenze kam schon das erste „Wie weit is es noch?“

Ein grandioser Bildband über die Palladio Villen in Venetien hatte uns inspiriert. Manche der oberitalienischen Landhäuser des „Palladio“ genannten Renaissance Architekten, boten Kost und Logie. Ohne viel zu überlegen, wählten wir eines der stilvollen Häuser und lagen damit, wie sich zeigte, komplett daneben. Bereits unsere Ankunft gestaltete sich einigermaßen angespannt und frostig. Deutlich ließ uns der alleinstehende Patrone spüren, dass eine Familie mit Kindern nicht zu seiner bevorzugten Zielgruppe zählte. Die restliche Gästeschar bestand aus mittelalten Kulturreisenden und deutschen Studienräten. Wir bezogen unsere Zimmer – eins für die Kinder, eins für uns – und gingen an den Pool. Im warmen Wasser fand unser Jüngster nach der langen Reise endlich Entspannung…

Fürs Abendessen wurde nach italienischer Familientradition im Hof eine lange Tafel gedeckt. An den hochtrabenden Gesprächen der anderen Gäste konnten oder wollten wir uns nicht beteiligen. Schweigsam löffelten wir unsere Minestrone. Den Buben war fad und so begann der Ältere, sich mit Otto, dem Haushund, zu beschäftigen. Einem eisbärähnlichen Wesen mit stark verfilztem Fell. Liebevoll, weil großer Hundefreund, begann der Sohn dem Tier die Kletten aus dem Pelz zu kletzeln. Und da passierte es. Ein herzzerreißender Schrei erschütterte die gediegen parlierende Runde. Blutüberströmt das Gesicht des Kindes. Otto hatte zugebissen. Durch das klaffende Loch in der Oberlippe konnte man Kiefer und Zähne sehen. Allesamt schwer geschockt navigierten wir irgendwie zum Krankenhaus nach Palmanova. Am Eingang zum Pronto Soccoso wurden wir von einer jungen Notärztin aufgenommen. Von ihrem Redeschwall verstand ich nur Cane und nickte zustimmend. Mit zwei Stichen musste die Wunde genäht werden, ohne Betäubung, weil wir sonst hätten im Krankenhaus bleiben müssen. Für den ersten Stich durfte sich der tapfere Patient etwas wünschen, den Wunsch für den zweiten Stich überließ er seinem Bruder. Mir kamen die Tränen vor Rührung. Zurück in der Villa verbrachten wir eine unruhige Nacht gemeinsam im Bett. Am Morgen wurden wir vom Patrone mit Schimpf und Schande des Hauses verwiesen. Alle anderen Gäste könnten bezeugen, dass nicht der Hund gebissen hatte, sondern das Kind beim Laufen gestolpert war. Mittlerweile hatten sich schon die Carabinieri der Sache angenommen. Es stellte sich heraus, dass Otto bereits mehrfach gebissen hatte. Wie die Geschichte weiterging, haben wir nie erfahren. Nur so viel noch, nach italienischem Recht hatte der Bub keinen Anspruch auf Schmerzensgeld. Anders hätte es für ein Mädchen ausgesehen…

© Caroline Kleibel 2020-04-29

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