Scharlatane

Werde krank und sie sind zur Stelle. Die Scharlatane und Besserwisser, die Geisterheiler und Handaufleger.

Während ich in der Akutphase meiner Erkrankung allein auf die Schulmedizin vertraut hatte, war ich nach erfolgter Heilung dann doch interessiert an alternativen Methoden, litt ich ja noch immer unter Nachwirkungen wie posttraumatischen Störungen, Panikattacken oder Fatigue. Was also böte sich an Alternativem an? Da war einmal der von einer Bekannten empfohlene indische Guru, der vom fernen Rajasthan aus via Telefon heilte, sobald ein stattlicher Betrag auf seinem Konto eingegangen war. Da war der Hypnotiseur, der mich gedanklich immer wieder in einen saftigen Apfel beißen ließ. Solange, bis mir das Wasser derart im Mund zusammenlief, dass ich nicht mehr sprechen konnte. Dann war da noch der Zellregenerator, ein Wunderheiler aus dem benachbarten Bayern, auf dessen Therapieliege ich gelandet war, weil ich von einer wohlmeinenden Bekannten einen Gutschein für diese Behandlung bekommen hatte. Zu spät freilich, weil ich, so meinte der schräge Kauz, durch Chemotherapie samt Strahlenbehandlung ohnehin schon völlig „versaut“ war. Auf meinen Einwand hin, dass ich durch diese schulmedizinischen Methoden schließlich geheilt worden war, meinte er nur lapidar, Ausnahmen bestätigten die Regel. Seiner wissenschaftlichen Expertise nach verstürben bei einer derartigen Hochdosisbehandlung nämlich zwei von drei PatientInnen. Und ich hatte wohl einfach Glück gehabt… Und Pech, nicht früher zu ihm gekommen zu sein, denn dann hätte ich mir vieles erspart. Erfolgreich hatte er bereits seine Mutter vom Krebs geheilt. Und sogar ein Pferd. Auf einmal stieg mir leichter Stallgeruch in die Nase. Ich verabschiedete mich ohne Befund auf Nimmerwiedersehen. Zumindest waren für diese Nullnummer keine Spesen angefallen.

Anders beim nächsten Versuch, zu dem ich im Rahmen eines Kuraufenthaltes quasi zwangsverpflichtet wurde und der sich vielversprechend Psychologisches Coaching nannte. „Schauen Sie mir in die Augen, damit ich Ihr Einverständnis bekomme, in Sie eindringen zu dürfen.“ Ich schaute. Allerdings voll Entsetzen, nicht als Einverständnis. Aber das reichte schon. Er bedankte sich für mein Vertrauen und begann, mein Inneres zu spiegeln, indem er wie ein Derwisch im Raum herumtanzte, auf einen Sessel sprang und schließlich auf des Sessels Lehne. Ich bekam echt Angst um den Hobbyakrobaten. Auch diese Behandlung zeitigte außer einem Kopfschütteln keinerlei Erkenntnisgewinn. Und €150 hatten sich in Ungefallen aufgelöst.

Als wäre das nicht schon der Höhepunkt an Scharlatanerie gewesen, eins kann ich noch draufsetzen: "Schreiben Sie sich mit einem (im Internet erhältlichen!) Stift den Namen Ihrer Krankheit auf den Rücken, denn nur so kann Ihr Körper dagegen ankämpfen“. Für „B-Zell Non Hodgekin Lymphom Burkett Like" braucht es schon einen sehr breiten Rücken. Aber den habe ich inzwischen ohnehin.

© Caroline Kleibel