Schmuck Stücke

Ausgebreitet liegen sie da in meiner Erinnerung. Elegant präsentiert auf schwarzem Samt wie nie zuvor. Zwei Goldmedaillons in Herzform und die versteinerte Klaue einer Krabbe. Sie sind etwas Besonderes, auch wenn man es ihnen auf den ersten Blick vielleicht nicht gleich ansieht. Das Wesentliche, die damit verbundenen Geschichten und Gefühle, bleibt dem flüchtigen Betrachter verborgen. Allein mir selbst vorbehalten. Bis jetzt.

Stück eins. Vom ersten Mal. Jungmädchentraum. Der Märchenprinz. Die Augen strahlen um die Wette mit dem glänzenden Etwas, das er mir mit unsicherer Hand präsentiert. Steven hieß er (...oder so). Wir schreiben das Jahr 1980. Virginia, USA. Ein Auslandjahr bewährt sich für Erfahrungen vieler Art. Das war eine ganz besondere. Zum ersten Mal bekam ich von einem Verehrer ein Schmuckstück geschenkt, eine zarte goldene Kette mit einem herzförmigen Medaillon dran. In der Mitte ein kleiner Stein. Sicher kein Diamant. Zirkon wahrscheinlich, aber „who cares“. Auf den Zauber des Augenblicks, den Magic Moment, kam es an und habe ich auch sonst glücklicherweise vieles vergessen, an das goldige Geschenk, das damals so ganz meinen aktuellen Geschmack getroffen hatte, erinnere ich mich zeitlebens.

Stück drei. Von der Kraft der Vorstellung. Irgendwo an der dalmatinischen Küste. Bei einem abendlichen Strandspaziergang findet mein Sohn, damals neun Jahre alt, die versteinerte Klaue einer Krabbe. Im Finstern. Irgendwie ist er drüber gestolpert, hat sie aufgehoben. Das Fossil sah aus wie ein Zahn. So richtig schön gefährlich. Zuhause ließen wir es fassen, als Anhänger. Von wegen, Männer - noch dazu junge Männer - und Schmuck vertrügen sich nicht. Selten hab ich erlebt, dass äußere Aufmachung und innere Befindlichkeit so augenscheinlich miteinander im Einklang stehen. Allein am selbstbewussten bzw. am niedergeschlagenen Blick kann ich erkennen, ob er sein Kraftsymbol trägt oder nicht. Es verleiht ihm sichtbar Stärke. Ob er nun nur an Tagen dran denkt, es sich umzuhängen, an denen er ohnehin schon gut drauf ist, oder ob es tatsächlich das edle Stück ist, das ihm Kraft verleiht? Das Rätsel bleibt ungelöst.

Stück zwei. Von der Unmöglichkeit, das erste Mal ein zweites Mal zu erleben. Zwei Goldmedaillons in Herzform hab ich da eingangs liegen sehen. Die Geschichte des einen habe ich schon erzählt. Woher aber das zweite, das idente? Nun, wie es so ist mit den schönen und leider nur allzu vergänglichen Momenten, Erfahrungen, Gefühlen oder Beziehungen, man möchte sie noch einmal erleben. Und deshalb schenkte mir Steve einige Monate später noch einmal die gleiche Kette. Mit dem gleichen Anhänger. Sie hatte mir ja so gefallen. Ich hatte mich so gefreut. Aber, was soll ich sagen, der Effekt war einfach nicht mehr derselbe. Es gibt eben keine zweite Chance für den ersten Eindruck. Und das ist vielleicht nicht zuletzt aus Gründen der Veränderung und Weiterentwicklung des individuellen Geschmacks auch ganz gut so.

© Caroline Kleibel