Die Grabrede

“Das kann ich nicht ablehnen“, dachte ich mir. Und zugleich: „Ich kann das nicht!“ Ein Dilemma, in das mich die Bitte des Ehemannes einer verstorbenen Freundin stürzte, an ihrem Grab letzte Worte zu sprechen.

Ich hatte E. eineinhalb Jahre zuvor im Krankenhaus kennen gelernt. Sie hatte aufgrund einer Strahlenbehandlung Probleme beim Sprechen. Konnte nur schreiben. Als wir uns Monate später wieder trafen, hörte ich zum ersten Mal ihre Stimme. Wir redeten über Gott und die Welt. Und das Leben, das sie scheinbar zurückgewonnen hatte. Sie plante ihre Hochzeit, die dann ein rauschendes Fest wurde. Als hätte E. geahnt, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb. Nach der Hochzeitsreise die niederschmetternde Diagnose, dass die Krankheit zurück und die Chance auf Heilung gering war. Tapfer kämpfte sie. Wir schrieben uns wieder. Kleine aufmunternde Botschaften. Oft auch nur ganz Alltägliches.

Nun sollte ich also etwas über E. sagen. Ich, die ich gern schreibe, aber den Mund nicht aufbringe vor vielen Menschen. Vor Trauernden. „Tränen“, so der Trauerredner Walter Müller, "sind das Natürlichste bei einer Abschiedsfeier. Der Einzige, der nicht weinen darf, ist der Trauerredner.” Sich von der eigenen Rührung und tiefen Betroffenheit nicht mitreißen zu lassen, schien mir wirklich das Allerschwierigste. Vorher weinen. Nachher weinen. Aber nicht bei der Rede. Und perfekte Vorbereitung. Denn es geht zuallererst um Würde. Und darum, der verstorbenen Freundin gerecht zu werden. Nichts ist schlimmer als Routine und Standardformulierungen, in denen nur der Name der Toten ausgetauscht oder ein Lebenslauf aus kalten Daten heruntergerasselt wird.

Ich entschied mich für kleine Geschichten. Bezeichnende Episoden. Auszüge aus unserer Korrespondenz der letzten Wochen und Monate, in denen bei aller Düsterkeit doch immer ein wenig heitere Gelassenheit mitschwang. Unmittelbar vor meinem Auftritt beherrschten mich immer noch panische Angst und Nervosität. Erst als es kurz so aussah, als käme ich mit meiner Rede gar nicht dran, als wäre sie einfach aus dem Ablauf der Zeremonie gekippt worden, bemerkte ich, wie sehr ich im Grunde reden wollte. Wie sehr E. von mir erwartete, es zu tun. Sie ließ es nicht zu, dass ich in meiner Kirchenbank versank, froh darüber, dass der Kelch an mir vorbei gegangen war. Sie führte meine Schritte hinaus zum Pult und sie führte meine Stimme, die auf einmal ganz ungewohnt laut und fest klang.

Ihr Vater schrieb mir später: „Immer wieder, immer noch höre ich von Menschen, wie beeindruckt sie von deinen Worten waren. Die Beileidsbekundungen waren zahlreich und machten mich hilflos und stumm. Nicht alles tröstet. Die meisten tragen einen Spruch eines Denkers, es sind kaum Frauen darunter. Ich habe eine Spruchvergiftung...“ Da wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, dass es gut gewesen war, mich zu überwinden und zu sprechen. Ich bin an dieser Grabrede selbst ein großes Stück gewachsen.

© Caroline Kleibel