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Tante Annemie

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Tante Annemie | story.one

Ich nenn sie Tante, obwohl sie das nicht ist. In Ermangelung eigener älterer Verwandter habe ich mir Annemie sozusagen von meinem Mann ausgeliehen. Auch ihm ist sie keine Tante ersten Grades, sondern eine Cousine seines Vaters. Für mich ein Vorbild in vielen Belangen. Eine spannende, inspirierende und bereichernde Persönlichkeit.

Ihr Erzähltalent ist eine Gabe. Authentisch und berührend. 1932 im Böhmerwald geboren, nimmt sie die aktuelle Corona Krise zum Anlass, in ihre Erinnerungen einzutauchen und unter anderem davon zu erzählen, was sie in ihrem bewegten Leben an Krankheits- und Quarantäneerfahrungen gesammelt hat. So kam Annemie im Herbst 1936 mit ihrer Mutter in Quarantäne zur Großmutter. Sie hatte sich im Kindergarten mit Scharlach angesteckt und sollte die Krankheit nicht auf ihre beiden Brüder übertragen. Nach wenigen Tagen waren Mutter und Tochter wieder zurück in der eigenen Wohnung, waren doch trotz aller Vorsichtsmaßnahmen mittlerweile alle drei Kinder erkrankt. Gemeinsam wurden sie über Wochen im elterlichen Schlafzimmer isoliert. Es half alles nichts. Der ältere Bruder starb sechsjährig einige Tage vor Weihnachten.

Im Mai 1945 war der zweite Weltkrieg zu Ende. Schon im März hatte der Schulbesuch für Annemie und ihren Bruder geendet. Für eineinhalb Jahre versorgte der Vater die beiden mit täglichen Übungen und Hausaufgaben. So konnten sie Erfahrungen in Selbstbeschäftigung, kreativem Lernen und Selbstdisziplin sammeln. Im August 1945 musste die Familie von ihrer Wohnung im Schloss Winterberg hinauf in den Turm ziehen. Ihre Behausung durften sie von da an nur noch für zwei Stunden am Vormittag und zwei Stunden am Nachmittag verlassen. Gekennzeichnet mit einer gelben Armschleife.

Als Annemie vierzehn war, wurden sie und ihre Familie aus ihrer böhmischen Heimat vertrieben. Ins Ungewisse. Der Vater bekam eine Arbeitsbewilligung der schwarzenbergschen Forstdirektion im steirischen Murau. Man zog nach Österreich. Aller Besitz der deutschsprachigen Minderheit, die damals immerhin ein Viertel der Bevölkerung ausmachte, wurde in Umsetzung der sogenannten Benesdekrete enteignet. Diese bitteren Erfahrungen sind für Annemie bis heute prägend und begründen ihr tiefes Verständnis für unverschuldet in Not Geratene.

Existenzbedrohend war der Unfalltod ihres Mannes, der 1977 als Expeditionsarzt der österreichischen Erstbesteigung des Mt. Ghent II im Karakorum verunglückte. Drei Jahre danach machte sie sich mit ihren fünf Kindern selbst zu einer gewagten Expedition nach Pakistan auf, um seinem letzten Weg nachzugehen.

Erste Medienberichte über die Kämpfe am Balkan 1992 erschütterten sie so sehr, dass sie spontan ihr Auto mit Lebensmitteln belud und nach Bosnien fuhr. 190 Hilfstransporte hat die mittlerweile 88-Jährige seither in Eigenregie organisiert. Über ihr Leben, ihre ungewöhnlichen Reisen und die Schritte der Hoffnung habe ich mit ihr gemeinsam ein Buch geschrieben.

© Caroline Kleibel 2020-03-24

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