Tatort

Nach den Strapazen der vorangegangenen fünf Jahre und den zahllosen Krankenhausaufenthalten waren 2017 nur noch Erholung und Entspannung angesagt. Schon am Tag nach Weihnachten verabschiedeten wir uns aus dem Europäischen Winter, um in Sri Lanka Sonne und neue Lebenskraft zu tanken. Was konnte den von Chemotherapien, Stammzellentransplantationen und Strahlenbehandlungen geschwächten Körper besser wieder ins Gleichgewicht bringen, als zwei Wochen Ayurveda?

Eine liebe Freundin hatte das "Underneath the Mango Tree Ressort" in Dickwella, an der äußersten Südspitze der Insel, empfohlen. Die Auswahl hätte nicht besser sein können. Die Anlage war traumhaft, vom ersten Augenblick an Balsam für Körper und Seele. Zwar stieg nicht Ursula Andress singend aus den Wellen wie 1962 im Klassiker "James Bond jagt Dr. No." Dafür sorgte Stefan Gubser alias Reto Flückiger, seines Zeichens Schweizer Tatort Kommissar, für prickelndes Krimi Flair. Ob der vielen Behandlungen und Anwendungen konnte ich die Gegenwart des sonst so gern gesehenen Sonntagabend Unterhalters gar nicht richtig wertschätzen. Ganz mit dem eigenen Ich, mit Entgiftung und Entschlackung beschäftigt, waren sämtliche Krimis plötzlich ein ganzes Universum weit entfernt. Oder sollte die tatörtliche Begegnung Warnung vor der lebensgefährlichen Situation sein, in der ich mich wenig später plötzlich wiederfand?

Die zwei Wochen vergingen wie im Flug, ich fühlte ich mich rundum erholt und gestärkt. Scheinbar…

Aus Europa hatten uns Horrormeldungen über Schneestürme erreicht, die in vielen Ländern den Flugverkehr lahmlegten. Unser Flug ging über Istanbul und die Türkei war ja nun wirklich nicht bekannt für Winterstürme und exzessive Schneemengen. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine Kaltfront führte genau an dem Tag unseres geplanten Heimflugs dazu, dass 400 Flüge gestrichen wurden. Noch im Anflug auf den Flughafen Atatürk hofften wir das Beste, als die Maschine eine Kehrtwende vollzog und wir knapp vor dem Ziel in Richtung Südosten abbogen. Neuer Zielflughafen Gaziantep, unmittelbar an der syrischen Grenze, nur 90 km von Aleppo entfernt. Dort waren wir für die nächsten beiden Tage gestrandet. Eiseskälte statt Tropensonne und quälende Ungewissheit. Endlich kam Bewegung in die unübersichtliche Situation. Mit Bussen wurden wir zum kleinen, mit hunderten Wartenden überfüllten Flughafen gebracht ohne Aussicht auf baldige Weiterreise. Und da passierte es. Zwei rivalisierende Männergruppen gerieten in Streit und gingen filmreif wie wütende Ninja Krieger aufeinander los. Die Masse stob auseinander, nur ich blieb wie angewurzelt stehen, verzweifelt bemüht, nicht zu fallen und unter die Springerstiefel der Kampfhähne zu geraten. In meiner Angst klammerte ich mich an den größten und blondesten Hünen, den ich in meiner Nähe ausmachen konnte. Mein schwedischer Retter verlieh mir Standkraft und Sicherheit: "Tack så hemskt mycket!"

© Caroline Kleibel