Tintenblauer Weihnachtsengel

Ich war kein sehr folgsames Kind. Die Umstände meines Aufwachsens waren aber auch alles andere als konventionell. Und denen hab ich mich wohl angepasst.

Ich hatte eine nette Mutter, einen netten Vater. Nur keine netten Eltern, im Sinne eines klassischen Paares. Folglich wuchs ich bei meiner Großmutter mütterlicherseits, der sogenannten „Muttiomi“ (Jg 1905) und einer Großtante meines Vaters, der „Tante Dori“ (Jg 1907) auf. Zwei Prototypen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Die eine grobschlächtig, ehemalige Hüttenwirtin und wenig belesen. Die andere das, was die eine sarkastisch nur „die feine Dame“ nannte. Immer tipptopp beinander und beim Kaffeetrinken den kleinen Finger kokett abspreizend. Verwitwet waren beide und das war dann auch schon das einzige, was sie verband. Und, dass sie sich, weil sie praktisch nie mitsammen sprachen, hervorragend gegeneinander ausspielen ließen. Was die eine verbot, erlaubte selbstverständlich die andere und umgekehrt. Ein Kinderparadies für einen kreativen Geist wie mich. Die Schneid abgekauft hat mir dann erst der Schuleintritt. Mit der nunmehr dritten Erziehungsinstanz war nicht zu spaßen. Es dauerte freilich eine ganze Weile, ehe ich das realisierte und begann, meine kleingewachsene, jugendlich wirkende Volksschullehrerein ernst zu nehmen.

Zunächst wurden wir am ersten Schultag nach der Größe sortiert auf die Schulbänke verteilt, was mich in die letzte Reihe verbannte, neben eine ebenso bohnenstangenlange Tamara. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Weit weg von Tafel und Lehrkraft trieben wir allerlei Unfug, bis es der Frau Lehrerin schließlich zu bunt bzw. zu tintenblau wurde. Wie wir alle ganz verlässlich wussten, zog jedes Jahr zu Weihnachten das Christkind auf einem Wagen voller Engel durch die Innsbrucker Maria Theresienstraße, um an der Annasäule in den Himmel aufzusteigen. Dieses Spektakel wollte ich unbedingt einmal live erleben, noch lieber sogar als ein Konzert mit Heintje, meinem Kindheitsschwarm. Als ich zu einer der Engelinnen für den Christkindwagen gecastet wurde, konnte ich mein Glück nicht fassen.

Zu der Zeit war meine schulische Lieblingsbeschäftigung im Schatten der letzten Bank, Tinte aus Plastikpatronen auf hintere Heftseiten zu tropfen und diese zu falten, sodass - nebst einer Mordssauerei - wunderschöne Ornamente entstanden. Rorschach erlangte damit Weltruhm... Ich wurde zur Strafe von der Liste der Weihnachtsengel gestrichen. Zeter und Mordeo konnten die Frau Lehrerin nicht umstimmen. Auch der Versuch der „Tante“ mich mittels einer Hofbauer Bonboniere zu rehabilitieren, schlug fehl. Immerhin kam ich wenigstens auf die Ersatzliste und als einen Tag vor dem Umzug tatsächlich ein Engel erkrankte, rutschte ich doch noch hinein in den himmlischen Begleittross. Ganz hinten zwar, aber den hellen Schein des Christkinds, als es die Annasäule entlang nach oben entschwob, hab ich gesehen. Ganz ehrlich!

© Caroline Kleibel