Wa(h)lfreiheit

Jedes Jahr im Winter zieht es hunderte nordatlantische Buckelwale in karibische Gewässer. Sie kehren dorthin zurück, wo sie einst geboren wurden. Den Giganten der Meere aus nächster Nähe zu begegnen, ist ein atemberaubendes Erlebnis.

Von Ende Januar bis April tummeln sich 2000 Buckelwale in der warmen karibischen „Badewanne“ der Silverbanks, um hier den Winter zu verbringen, zu flirten und für Nachwuchs zu sorgen. Das Unterwasserplateau der Silverbanks, 200 Kilometer von der Küste der Dominikanischen Republik entfernt gelegen, ist mit schützenden Riffen, seichtem Wasser und moderaten Strömungen die perfekte Kinderstube für die Meeressäuger, die bis zu 16 Meter lang werden und an die 65 Tonnen wiegen. 1986 wurden die Silverbanks von der Dominikanischen Regierung zum Schutzgebiet erklärt. Nur drei Schiffe haben seither die Genehmigung diesen einzigartigen Platz anzulaufen. Den besten Ort der Welt, um die sanften Riesen zu beobachten. Nur hier ist es erlaubt, sich den Walen nicht nur in Booten, sondern im Wasser schnorchelnd zu nähern. Tauchen darf man nicht, da die aufsteigenden Luftblasen und Geräusche die Wale erschrecken würden.

Das Schlauchboot, mit dem wir von der Yacht aus unsere Schleichfahrten unternehmen, hat inzwischen etwas an Geschwindigkeit aufgenommen. Der Such(t)faktor ist trotz der Waldichte erheblich. Zwar zeigen sich ringsum immer wieder kleine Wolken kondensierten Wassers. Komprimierte Atemluft, die die Wale beim Auftauchen in bestimmten Abständen ausstoßen. Nur: Ist das Boot erst dort, ist der Wal meist schon wieder abgetaucht. „Hurry up and wait“ ist die Devise. Es braucht Zeit, die Alltagshektik abzuschütteln und sich ganz auf die wundersamen Begegnungen einzulassen – wann, wo und wie immer sie passieren. Und sie passieren. Genau dann, wenn man schon fast hätte aufgeben wollen: Plötzlich schießt direkt vor dem Boot ein tonnenschweres Wal-Baby fast senkrecht aus dem Wasser, spreizt seine Brustflossen und klatscht rückwärts wieder in die Fluten. Alles geht blitzschnell. Nur weiße, schäumende Gischt bleibt vom spektakulären Auftritt zurück. Schon setzt das Kleine zum nächsten Sprung an. In einigen Metern Tiefe beobachtet die Walmutter das Treiben. Behutsam gleiten wir ins Wasser. Erst hier wird die wahre Größe und enorme Gewandtheit der Tiere deutlich. Die Walmutter bleibt entspannt, beschließt, uns zu vertrauen. Immer wieder schwimmt das Junge neugierig aus der schützenden Geborgenheit unter dem Rumpf der Mutter empor. Für uns Möchtegern-Meeresforscher und Unterwasserfotografen ein emotionales Wechselbad der Gefühle - zwischen magischer Anziehung und respektvollem Abstandhalten. Es entstehen schöne Fotos. Noch eindrucksvollere Erinnerungsbilder im Kopf. Die Wale bestimmen, ob sie die Nähe zu den Menschen zulassen oder nicht. Sind sie doch so (wahl-)frei, sich mit nur einem einzigen Schwanzflossenschlag ganz schnell verabschieden zu können.

© Caroline Kleibel