Weihnachten auf Umwegen

Vor einigen Jahren wollten wir Weihnachten einmal ganz anders feiern. An einem Ort, wo auch der Alltag Urlaub macht. Fern ab von daheim. Im Ausseerland, idyllisch, tief verschneit irgendwo im Gebirge. Der Traum gestresster Stadtmenschen mit zwei damals noch recht kleinen Kindern. „Selbstversorgerhütte“ nannte sich unsere Herberge charmant und was auf den ersten Blick zu einem „aber das mach ich doch eh gern“ verführte, erwies sich bei genauem Hinsehen als eine veritable vorweihnachtliche Übersiedelung samt Zimmer, Küche, Kabinett. Von den Geschenkpackerln gar nicht zu reden. Als dann das Allernötigste im Auto verstaut war und die Fahrt – die wir noch kurz wo unterbrechen wollen, um einen Christbaum zu kaufen – endlich beginnen sollte, waren noch genau zwei Sitzplätze frei. Einer davon zum Glück der Fahrersitz, auf dem zweiten saß - einigermaßen fix eingebaut – der ältere Sohn. Und dann sollte ja auch noch der Baum… Kurzum, der Kleine und ich entschieden uns für eine öffentliche Anreise. Zuerst mit dem Bus und dann weiter mit dem Zug. Wär doch gelacht! Zwar war die Zeit zum Umsteigen denkbar knapp bemessen, aber kein Problem für Geübte und lange herumstehen wollten wir in der Kälte eh nicht. Die Busfahrt verlief ohne nennenswerte Vorkommnisse exakt nach Fahrplan. Die Anzeigetafel am Bahnhof des Umsteigeortes wünschte in großen Lettern „GUTE REISE“, gab darüber hinaus aber keine zweckdienlichen Auskünfte. Gerade als wir den Bahnsteig betraten wurde über Lautsprecher die Ankunft eines Zuges avisiert. Ja, das sei der Richtige, wurde mir versichert. Wir stiegen ein, fanden einen Platz, der Zug fuhr ab und schon kam der Schaffner. Es sah meinen Fahrscheins und schüttelte den Kopf. „Da hams aba den Falschen erwischt, gnä‘ Frau“, meinte er knapp und entfernte sich. Schon wähnte ich mich meinem Schicksal überlassen, als der Zug plötzlich auf offener Strecke stehen blieb, der Schaffner mich samt Sohn zum Aussteigen anhielt und zudem den entgegenkommenden Zug. Den in die richtige Richtung! Über die riesigen Schneewechten zwischen den Geleisen hob er uns förmlich drüber und rief: „Schnell umsteigen bitte, das ist ein außerplanmäßiger Aufenthalt!“ So war unser Abenteuer schon wieder vorüber, ehe ich noch realisiert hatte, dass wir andernfalls wohl viele Stunden lang irgendwo im Nirgendwo hätten warten müssen. Aber leider auch bevor es mir möglich gewesen war, meinem weihnachtlichen Wohltäter gebührend zu danken. Es gelang mir nie, ihn ausfindig zu machen. Ein Bahninsider versicherte mir damals glaubhaft, dass dieser ebenso spontan wie „außerplanmäßig“ organisierte Kurzaufenthalt absolut nicht den Buchstaben des geltenden Personenbeförderungsgesetztes entsprochen hatte und Ärger war schließlich das Allerletzte, was ich dem freundlichen Zugbegleiter bescheren wollte, der für dieses Weihnachtsmärchen seinem Herzen und nicht der Dienstanweisung gefolgt war. Ich bin ihm dafür noch heute unendlich dankbar.

© Caroline Kleibel