Wilde Hilde. Fromme Helene.

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Wilde Hilde. Fromme Helene. | story.one

Wilde Hilde. Fromme Helene.

Meine liebe und langjährige norwegische Freundin Hilde Helene vereinte in ihren Vornamen beides, wobei der wilde Anteil bei weitem überwog. Auch wenn sie das so nie hören wollte. Aber wie heißt es doch so schön, was liegt, das pickt. Sie wurde diesen Ehrentitel nicht mehr los und schließlich fand sie sich - des Reimes wegen - damit ab.

Kennengelernt hatten wir uns 1982 bei einem gewissen Professor Zipf. Der in den USA bereits emeritierte Hochschullehrer hielt die erste und einzige englischsprachige Vorlesung, die das Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft dazumal anbot. Zufällig hatte das skandinavische Powerbündel ein Studentenzimmer ganz in meiner Nähe gemietet. Wir beide wurden unzertrennlich. Unser Kontakt hält bis heute an. Auch verband uns, dass wir beide ein AFS-Austauschjahr in den USA verbracht hatten, bei Gastfamilien und mit High-Schoolbesuchen. Das hatte sich natürlich sehr positiv auf unsere Englischkenntnisse auswirkt.

Hilde Helene spricht perfekt Englisch. Und Deutsch auch, wenngleich sie manchmal mit der Grammatik auf Kriegsfuß stand. Ihr Sager in der der Disco „Ich bin heiß“ ist legendär. Mit Hilde war es immer lustig, immer war was los, immer eine Gaudi. Sie zog Männlein und Weiblein gleichermaßen in ihren Bann. Mich eingeschlossen. Statt eines urigen Österreichers lernte sie in den italienischen Alpen einen Landsmann kennen, mit dem sie dann vier Jahre liiert war. Mehrere Sommer verbrachte ich bei meiner Freundin in Norwegen, in ihrer Stadtwohnung in Oslo, im Strandhaus in Kragerö oder auf der Hütte in Lillehammer. Das Gerücht vom ständig kalten Norden kann ich aus eigener Erfahrung widerlegen. Die Sommer da oben stehen den unseren in nichts nach. Genau so heiß, genauso sonnig. Und wenn es denn doch einmal regnete, war Hilde ganz glücklich und meinte: „Die Natur atmet auf!“

Ihr zuliebe nahm ich sogar Norwegisch Unterricht an der Salzburger Volkshochschule. Hängen geblieben ist davon außer einiger Grußformeln nur der Beginn eines Märchens, von einem kleinen Jungen, der spazieren ging und Nüsse knackte, als er plötzlich dem Teufel begegnete: "De var en gang en gutt som gikk på en landveien og knackte noetter. So moette han fanden..." Soweit, so sinnbefreit.

Ihr Studium hat die norwegische Version einer rothaarigen Pipi Langstrumpf zwar bis zum Ende durchgezogen, aber nie offiziell abgeschlossen. Es fehlte noch die Dissertation, als sie wegen eines guten Jobangebots nach vier Jahren zurück nach Oslo zog. Auch ist man in Norwegen weit nicht so titelverliebt wie bei uns. Und wichtiger waren ohnehin die wunderbaren Erfahrungen, die sie in Salzburg gesammelt und die lebenslangen Freundschaften, die sie hier geschlossen hat. Geheiratet hat Hilde nie. Vielleicht war die Zahl der Anwärter einfach zu groß. Ihre Tochter kam 1997 zur Welt. Sie gab ihr den Namen Helene. Wohl in der Hoffnung, dass doch auch ihre frommen Anteile weitervererbt würden…

© Caroline Kleibel 02.03.2020