Triebfeder

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Triebfeder | story.one

Wie ein Poet, der von einem auf den nächsten Tag, nichts mehr zu sagen hat. Die Worte zerschellen an seinen Lippen und übrig bleibt ein müdes Schweigen. Sie wüten nur noch innerlich, versteckt und begraben, ganz weit unten in der mittlerweile gezügelten See. Wie ein verschwundener Schatz liegen sie da, wartend oder vielleicht auch für die Ewigkeit. Emotionen werden nicht mehr mit den Mitmenschen geteilt, lebt von nun an nur für sich.

Wie ein Sänger, der die Melodie seiner eigenen Stimme vergessen hat. Früher sog er seine Umgebung förmlich in sich hinein, hielt jedes Detail daraus in seinen Geschichten fest. Die wichtigen und diejenigen Momente, die es nicht zu sein schienen und es doch irgendwie waren. Einst lies er sich von den Gefühlen der Leute leiten, überwiegend aber von seinen eigenen. Nun scheinen alle Stifte leergeschrieben und all seine Notizbücher vollgeschrieben, mit Worten zu denen er keine Verbindung mehr spürt. Es ist nur mehr schwarze Tinte auf weißem Papier, ohne jeglichem Gefühl.

Wie ein Junkie, der bereits mit dreizehn die Zigaretten aus der Handtasche seiner Mutter klaute. Damals noch um Freunden zu imponieren, jeder Zug erinnerte ihn an den Geruch seiner alten Sportsocken. Würde er sie in den Mund nehmen, er war sich sicher, dann würden sie exakt wie diese Tabakrollen schmecken. Jetzt aber hängt er so lange am glühenden Stängel, bis der letzte Funke an Nikotin verschwunden ist. Es blieb nicht nur bei der einen Sucht, wie so oft. Die Abhängigkeiten reichen sich die Hände, spielen mit und gegen einander. Selbst wenn der Körper schon eine Resistenz entwickelt, wird nicht aufgehört. Noch ein bisschen mehr, um etwas zu spüren. Der Körper will mehr Serotonin, er schreit danach.

Wie eine liebende Mutter, die ihr einziges Kind verloren hat. Sich seit Wochen selbst isoliert, mit niemanden außer ihr selbst und der Katze spricht. Weint sich jede Nacht in den Schlaf, mit dem Foto ihres achtundzwanzig Jährigen Sohnes im Arm. Fragt sich was sie falsch gemacht hat, ob sie etwas tun hätte können. Sie kennt die Antwort nicht, wird sie nie und niemand anderes wird es je tun.

Ich bin wie diese Personen, seien sie nun fiktiv oder nicht, ich bin jeder Einzelne von ihnen und gleichzeitig jemand völlig anderes. Ich bin müde vom Streiten, all den damit verbundenen Emotionen und dabei nur auf Wände zu treffen. Ich habe mich verändert, kenne meine frühere Person, lese ihre Tagebuch und schlafe in ihrem Bett - doch fühlen kann ich sie nicht . Ich kenne Sucht, habe auch einige davon, manche harmlos und manche fressen dich auf. Auch ihr tiefer Schmerz ist mir nicht fremd, die Machtlosigkeit und die Schuldgefühle. Stundenlang gegen die Decke zu starren, sich selbst zu fragen, was das Leben noch zu bieten hat.

Keiner Antwortet. Nur die eigene Stimme spricht, manchmal leise, so unscheinbar und leicht zu überhören. Manchmal schreit sie, so laut, das sie alle anderen Geräusche übertönt und es schwer wird, sie zu ignorieren. Mein Antrieb.

© carolinski