Zum Weiterleben verdammt #elmundo2019

„Keine Ahnung, wie oft ich bereits auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurde“, gab ich frech grinsend von mir. Komische Vorstellung, Scheiterhaufen und Hexenverbrennung, schließlich leben wir im 21. Jahrhundert. Wer weiß, wie viele Vorleben ich bereits hinter mir habe… "Glaub mir meine kleine hübsche blonde Hexe, wenn es wieder mal soweit ist, komme ich höchstpersönlich und puste das Feuer aus. Darauf kannst du dich verlassen!“, antwortete dieser Hüne, alias Big Bear. Damals, zur Party zum 30. Geburtstag meines Bruders Ronny. Das ist bald ein Jahr her. Diese Party glich eher einem Motorradtreffen mit finsteren Rockergestalten. Keiner nahm an, dass unter deren schwarzen Kutten liebenswerte Herzen schlugen. Das ist das mit dem Klischee, Menschen denken viel zu viel. Hinter jeder Schale versteckt sich ein Kern. Der Kern ist natürlich nur gut, wenn die Schale wunderschön aussieht und makellos ist. Tatsächlich huscht mir, bei dem Gedanken an dieses Megaevent, ein Lächeln übers Gesicht. Mein Ehemann Lau, getauft auf den Namen Laurentius von Robing, war furchtbar eifersüchtig, eifersüchtig, eifersüchtig auf Big Bear. Oh mein Gott, so ein Blödsinn. Big Bear ist zwei Meter acht groß, breit wie ein Schlafzimmerschrank und tätowiert über den gesamten Oberkörper. Ich hatte mir damals tatsächlich erlaubt, einmal in meinem Leben mit einem anderen Mann zu tanzen, welch ein Ehebruch! Der Gedanke an Lau treibt mir die Tränen in die Augen, unaufhaltsam bahnen sie sich den Weg über meine Wangen, und bis ich es bemerke, bebt mein Körper. Mein Herz zerspringt zum zigsten Mal innerhalb von 3 Monaten, zwanzig Tagen, sieben Stunden und dreiundzwanzig Minuten in 100000 Teile. WARUM? WARUM ICH? Reicht es denn immer noch nicht? Heute ist einer, der von mir verhassten, sommerlichen Herbsttage im Bayerischen Wald. In den letzten Jahren mochte ich die Vielfalt von Farben, mit denen sich der Wald um diese Jahreszeit schmückt und meinen Weg von der Kanzlei über die Bundesstraße zu unserem Haus verschönert. Lau besaß es bereits als wir uns kennen und lieben lernten, alles in diesem Haus ist er! Sie glauben, mir geht es gut. Sei es Simon, Laus Partner in der Kanzlei, mein Bruder Ronny und meine bisher beste Freundin Anna Beyer, ehemals meine Arbeitskollegin. Sie reden ständig auf mich ein, erzählen mir, wie ich weiterleben könnte, dass alles wieder gut wird und mit der Zeit sämtliche Wunden heilen. Das mag alles sein, doch ich habe keine Lust mehr auf heilende Wunden zu warten, keine Lust mir gut gemeinte Ratschläge anzuhören. Irgendwie muss ich aber mit jemanden reden. Big Bear und mich verbindet etwas. Ja etwas in mir bestätigte meine Gedanken, ich glaube von ihm würde ich mir meinem Kopf zurecht rücken lassen. Meine zittrigen Hände tippen: Hey, ich stehe auf dem Scheiterhaufen und es brennt um mich lichterloh, verdammt heiß… Scheiße! LG die blonde Hexe

Die Nachricht ist zugestellt und ich warte und warte…

© Celina Minor