Als ich Stermann und Grissemann anrief

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Als ich Stermann und Grissemann anrief | story.one

Mein Verhältnis zum Muttertag ist mal so, mal anders, grad wie sich´s wirft. Aber als ich Stermann und Grissemann anrief, war meine Haltung zum Muttertag klar, glasklar.

Es ist schon Jahre her und die familiären Zustände waren unbeschwert. Alle Kinder waren schon auf der Welt, die älteren rutschten grade in die Pubertät. Es war ein warmer, sonniger Muttertag. Der Wirbel der Feierlichkeiten war vorbei und alle hatten sich im Haus und ums Haus herum zu einer wohlverdienten Mittagspause zurückgezogen. Die Stimmung war idyllisch.

Ich lauschte der Muttertagssendung von Stermann und Grissemann auf FM4. Es war so ein Geplänkel um Sinn und Unsinn des Muttertags. Die Anrufer versuchten einander mit noch originelleren Argumenten darin zu überbieten, wie überflüssig und reaktionär doch so ein Muttertag sei.

Immer skurriler schienen mir Argument um Argument, bis ich wenige Minuten vor Ende der Sendung durch das Haus rief: „Jetzt rufe ich aber an, da muss ich etwas klarstellen!“ Von allen Seiten tönten Warnungen: „Tu das ja nicht, Mama!“ „Mama, die machen dich fertig!“ „Vergiss es, bitte!“

Es stimmt schon, Schlagfertigkeit war nicht grade meine Stärke, aber Angst hatte ich keine und deswegen griff ich zum Hörer. Schließlich hatte ich ja eine Botschaft loszuwerden! Ich kam glatt durch und musste kurz warten, bis ich auf Sendung war. Also hatte ich kurz Zeit zum Überlegen, wie ich mein Gespräch mit den beiden gefürchteten Gesprächspartnern beginnen sollte.

„Es geht gleich los!“, rief ich ins Haus hinein, über die Stiegen hinauf und bei der offenen Haustüre hinaus. Da fiel mir auf, wie still es war. Als hätten sich alle in ihre Löcher verkrochen vor der erwarteten Peinlichkeit, die da in wenigen Minuten stattfinden würde.

„Ich muss etwas zurechtrücken!“, fiel ich mit der Tür ins Haus, als Grissemann sich durchgesetzt hatte: „Lass mich Stermann!“ So nach dem Motto: Das ist eine Tirolerin, die gehört mir! O Gott, kam es mir langsam. Bin ich Grissemanns Opfer?!

Aber meine Botschaft war stark genug, ich würde durchhalten! Ich erzählte frisch von der Leber weg, wie mein Muttertag war. Morgens in die Kirche gehen, danach meine Mutter besuchen, ihr gratulieren, mit ihr feiern. Danach heim zur eigenen Familie mich hochleben lassen. Feines Mittagessen. Vorfreude auf die Jause mit der von den Kindern gebackenen Torte. Die hübschen Wiesenblumensträußchen und den obligaten Blumenstrauß des Vaters der Kinder bewundern. Ganz Tradition, ganz atypisch für FM4 damals. „Da wär ich ja schön blöd, wenn ich mir das entgehen ließe, einen ganzen Tag lang keinen Handstreich tun zu müssen!“, schloss ich meine Aufzählung ab.

„Das war genau, was wir hören wollten!“, beendete Stermann die Sendung nach ein paar weiteren Fragen und Antworten. Klar, dass ich mich darüber freute! Aber was mich erleichtert aufatmen ließ, war, dass ich Grissemanns bohrende Frage nach dem Geschenk umschiffen konnte. Es war nämlich ein riesiger Tiegel Creme für Bauch, Beine, Po!

© Charly 27.04.2020