Mein Herz ist in Österreich!

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Mein Herz ist in Österreich! | story.one

Unsere beiden Enkelkinder in Norwegen kamen vor Coronazeiten regelmäßig dreimal im Jahr zu uns Großeltern „nach Hause“. Onkel und Tanten der Kinder nahmen bei dieser Gelegenheit nach Möglichkeit auch eine Auszeit. Wir konnten Tage und Wochen Familienleben von Herzen genießen und mit Freude verbringen.

Zuletzt feierten wir 2019 gemeinsam das Weihnachtsfest. Unter all den Geschenken, Spielsachen und Büchern lag ein Herz aus Zirbenholz herum. „Wo kommt das eigentlich her?“, fragte ich mich beim Aufräumen und es fiel mir auf, dass es von der Größe her genau in meine Hand passte. Mit beiden Händen ließ es sich gerade so umschließen, dass es unsichtbar wurde. Wenn man die Hände wieder öffnete, hatte man den harzigen, würzigen Duft eingefangen. Es glänzte und lud zum Drüberstreichen ein. Mit einem einzelnen Finger, mit der ganzen Handfläche. Es fühlte sich gleichzeitig warm und kühl an und so glatt, dass man die Maserung nicht fühlen konnte. Aber die Jahresringe ließen sich zählen.

Es dauerte nicht lange und schon hatte der Dreieinhalbjährige das harmonische Holzstück in sein Herz geschlossen. Er spielte damit, erfreute sich daran und bat um Erlaubnis, es in seine Schatzkiste zu geben.

Der Osterhase versteckte heuer seine Nestln in norwegischen Gärten, in Nordtiroler Wohnungen und am oberösterreichischen Donaustrand, anstatt im bewährten hochalpinen Gelände! Videotelefonie half mit, die distanzierten und zersplitterten Familienbande zusammenzuhalten. Unterhaltungen fanden auf vielfältige Art statt und vor allem mit den Kindern im bewährten Sprachengemisch. Die Buben erzählten, sangen, spielten, zeigten ihre Neuigkeiten her, hörten Märchen, schauten Bilder an und drückten ihre Gefühle aus - fast wie immer. Meistens. Eigentlich. Irgendwie. Naja.

Mit der Zeit begannen wir Erwachsene über ein mögliches Wiedersehen im Sommer zu spekulieren. Plötzlich mischte sich der ältere, inzwischen bald vierjährige Bub, ins Gespräch ein: „Min Herz er i Osterrike!“, sagte er.

Hallo? Im ersten Moment dachten wir, wir hätten uns verhört. Opa bat um Wiederholung. „Was sagst du, Gartenzwerg?“ „Mein Herz ist in Österreich!“, übersetzte der Bub. Innerlich hielten alle Gesprächsteilnehmer kurz den Atem an und meditierten traurig über die Verkehrsbeschränkungen mit ihren Folgen.

Ich erwähnte nicht, dass ich das Zirbenholzherz in der österreichischen Schatzkiste wohl verwahrt weiß! Ich sage aber auch niemandem, dass ich es manchmal herausnehme und eine Zeitlang still in der Hand halte.

© Charly 23.05.2020