D wie Diva

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D wie Diva | story.one

Meine Schwägerin D trägt ihren Buchstaben zu Recht. Sie ist eine Diva erster Güte. Geht sie mit ihrem Mann zum Strand, trägt er Picknickkorb und Luftmatratze, sie ihre Perlenohrringe. Kehren sie abends ins Apartment zurück, wartet sie geduldig, bis er sein Gepäck abgestellt und den Wohnungsschlüssel aus seiner Hosentasche gefingert hat.

Noch nie wurde D mit einem Mistkübel gesehen oder gar beim Entleeren eines solchen erwischt. Treffen wir uns zum Essen, huscht sie zielstrebig und flink zum Tisch ihrer Wahl und setzt sich. Für mich bleibt der Stuhl, von dem aus ich die Faserung der holzgetäfelten Wand betrachten kann. Bin ich einmal schneller, weil sie jemanden kurz begrüßen musste, nehme ich mir den Platz mit dem Blick auf das Lokalgeschehen. „Passt das für dich?“, frage ich dann scheinheilig, mit keiner Faser meines Willens bereit, die eroberte Stellung aufzugeben. Eine bekannte Falte auf ihrer Stirn zeigt mir unmissverständlich, dass „das“ auf keinen Fall passt.

Mir fehlt diese Divenbegabung. Leider. Mich trifft man nicht selten in grober Kleidung und mit hagebuchenen Schuhen im Garten an, wo ich abgerissene Zweige, die jemand Nachbarlicher über Wochen unter dem Fliederbusch gesammelt, aber nie in die Biotonne geschafft hat, mit Kampfhandschuhen in ein Tuch wickle, zwänge, stauche, mit Spagat fessle und das Paket in mein Auto zerre, um es im Recyclinghof in den Container für Grünschnitt zu stopfen.

Dinge, die ich nicht tun müsste. Dinge, zu denen ich locker sagen könnte, nicht mein Bier. Dinge, die einer D nicht einmal einfallen würden.

Nachher sitze ich verschwitzt und zerkratzt auf der Gartenbank, nehme einen Schluck Wasser aus meiner Aluflasche und zünde mir eine Zigarette an. Warum, zum Teufel, tust du das??, frage ich mich.

„Für den Dank!“, flüstert mir die Z zu, „für Lob und Anerkennung“. „Welchen Dank?“, „welches Lob?“, frage ich zurück. Was ich da tue, nimmt keiner wahr, und wenn doch, ist es das höchste der Gefühle, ein unbeeindrucktes „Oh, fleißig!“ zu hören. „Braves Mädchen!“ fehlt grad noch.

Das brave Mädchen, das so gern gelobt würde, ist aber schon verdammt erwachsen und die Fleißbildchen, die es in der Volksschule für zehn goldene Sternchen im Hausübungsheft bekommen hat, sind schon verdammt vergilbt.

Also lehne ich mich in meinem Holzfällerhemd zurück an die Bankwand und denke an D. Was würde la Diva tun?

Sie würde sich mit wohlriechender Seife waschen, die langen Haare in einen Turban flechten, ihre Fingernägel lackieren und sich einen Campari einschenken. Sich in die Hängematte auf der Veranda legen, Paolo Conte in die Ohren stöpseln und sich die Nachmittagssonne auf die frisch geharzten Beine scheinen lassen.

Ja, das würde sie tun. Danke für die Inspiration, Schwägerin D. Das tue ich jetzt auch. Ich lackiere mir die Fußnägel in strahlendem Gold und strecke mich auf dem Sofa aus, wo mir meine Muse Geschichten erzählt, die ich nur aufzuschreiben brauche.

© chrim 05.06.2020