Wieder vereint

  • 140
Wieder vereint | story.one

Abgemagert, ausgehungert, an den Ohren ergraut - so habe ich ihn gefunden.

An Tag 22, nachdem mein Kater verschwunden war, läutete es an meiner Tür. Ich hatte in der Nachbarschaft Zettel an die Türen geklebt, Keller abgesucht, den Tierarzt angerufen, den Wasenmeister angeschrieben, auf der Homepage des Tierheims eine Vermisstenanzeige platziert, alle Menschen in der Umgebung angesprochen – er war verschwunden geblieben. Niemand hatte eine weiß-orange Katze gesehen.

Ich hatte mir die Augen ausgeheult, die Götter verflucht und das Futtertöpfchen auf den Steinboden geknallt. Freundinnen hatten Daumen gedrückt, Antonius hatte sich Räucherduft um seine heilige Nase wehen lassen und auf story.one hatte ich Beileidsbekundungen bekommen.

Ich hatte die Scherben zusammengekehrt und mich abgefunden: Mein Kater hat mich verlassen. Für eine schönere Frau, süßere Mäuse oder aufgeräumtere Blumenbeete in einem anderen Garten. Frühlingsgefühle können einen Kater weit von zuhause wegführen, hatte der Tierarzt gesagt. Wir haben kein totes oder herrenloses Tier dieser Art gefunden, hatte die Wasenmeisterin geschrieben und hinzugefügt: Ich wünsche Ihnen, dass ihr Liebling wieder auftaucht.

An der Tür stand eine Frau. "Sie suchen doch Ihren Kater", sagte sie. "Ist es dieser hier? Den habe ich vor zehn Minuten fotografiert." Ja! Und wie das mein Kater war! Gechillt lag er auf einem Garagendach.

Ich ging ihn suchen. Auf dem Dach war er nicht mehr. Ich rief ihn, lockte ihn – vergebens. Er blieb verschwunden. Jeden Abend drehte ich dieselbe Runde, mit Leckerlis bewaffnet, redete alle Leute an, die ich traf. "Ja, eine orange Katze ist mir aufgefallen", sagten sie. Oder: "Ja, es gibt eine Katzendame hier." Und: "Wenn er ausgerammelt hat, wird er schon wieder heimgehen."

An Abend Nummer fünf hörte ich es maunzen. Kläglich. "Nemorino!", rief ich, "Nemorino, komm her zu mir." Und nach einer langen Weile kam er. Setzte sich in Elefantenabstand (ausgewachsen, nicht Babyelefant) auf den Asphalt und schnatterte. "Geduld!", sagte ich mir und schnatterte auch. Wie froh ich sei, dass er lebe. Dass er wieder heimkommen soll. Und machte Mäuseschrittchen auf ihn zu. Zückte die Tube mit dem Schleckerli und sah, wie sein Interesse erwachte. Nach kurzem Überlegen stürzte er sich auf das Futter und schlang es hinunter. Ich nahm ihn in meine Arme, er ließ es geschehen, leicht wie eine Feder. "Mein Gott, bist du mager", sagte ich, "ich bringe dir noch mehr Futter".

Als ich zurückkam, wartete er auf mich, stürzte sich auf die Brekkies und ich nutzte die Gunst seines Heißhungers, um ihn in die Transportbox zu locken. Sein Widerstreben war groß, der Hunger größer.

Jetzt liegt er auf meinem Schoß und leckt sein Ständerchen. Sollte es in naher Zukunft orange-weiße Katzenbabys im Nachbargeviert geben, werde ich wohl Alimente zahlen müssen. Denn "Vater unbekannt" gilt jetzt nicht mehr.

© chrim