Mächtig wirkt die Zeit

Während die U-Bahn mit einem Luftschwall als Vorbote in die Stadion einfuhr, bemühte sich ein Mann jenseits von 80 Jahren mit kleinen Grundfesten Schritten, an eine der sich automatisch öffneten Türen zu nähern. „Falsche Zeit falscher Ort“, mag es ihm durch den Kopf gegangen sein.

Die Dynamik der Menschenmenge in der er sich befand spülte ihn jedoch rechtzeitig in einen der Wägen bevor sich die Türen wieder schlossen.

Drinnen herrschte eine Melange aus Gedränge, starren Blicken. Gemurmel und Hinweisschildern die darauf bitten, „Älteren und Gebrechlichen Menschen ihren Sitzplatz zu überlassen“!

Noch sieben Stationen und dann umsteigen, versicherte sich der betagte Mann während er sich nach einer Sitzgelegenheit umsah.

Am Ende des Wagens erspähte er mit zusammengekniffenen Augen einen Platz auf dem sich offensichtlich nur eine Schultasche befand. Drei Jugendliche daneben sitzend betrachteten gelangweilt ihr Spiegelbild im Fensterglas. Einer hantierte wuselig auf seinem Mobiltelefon herum.

Als der Mann versuchte die Tasche auf den Boden zu stellen, fuhr ihn der vermeintliche Besitzer mit der Bemerkung an. “Die Tasche bleibt wo sie ist“! Grinsend und sich gegenseitig in die Hände klatschend goutierten die beiden anderen die Ansage.

„Warum wirfst du dich nicht gleich vor die Bahn?“ spie es aus dem Mund des nicht Kahlgeschorenen und fügte hinzu, dass dann wenigstens sein lausiges Dasein ein vernünftiges Ende hätte.

Unterstützend seiner Forderung trat er in regelmäßigen Abständen mit seinen Springerstiefel auf den Knöchel des alten Mannes. Der gepeinigte Mann stand da hielt sich an einer der Halteschlaufen fest und ließ die Beleidigungen unaufgeregt über sich ergehen. Die verblassende Tätowierung die durch den etwas zurückrutschenden Ärmel sichtbar wurde scheint aus längst vergangener Zeit zu sein. Zwei gleich lautende Buchstaben seien es wohl.

Seine Gedanken hingegen konnte niemand erkennen.

„Das war meine Zeit als ich jung war und entschied, “Wer mit welchem Zug wann und wohin fährt“!

Eine Durchsage des U-Bahnführers holte ihn in die Gegenwart zurück.

„Endstation, bitte alles aussteigen“!

Die Türen sprangen auf und alle Fahrgäste verließen die Wägen.

Die Jugendlichen rannten laut lachend zur Rolltreppe, ihrer ungewissen Zukunft entgegen.

Der alte Mann wartete inmitten einer neuen Menschentraube auf seine Anschlussbahn nach Hause.

Nur leicht blutete sein Knöchel.

© Chris Doelderer