Wenn der Graf ruft...

Die Boshaftigkeiten begannen stets beim letztmöglichen Schluck, der letzten Flasche Rotwein, meist am letzten Tag meiner Besuche beim Grafen. Wir alle nennen ihn den Grafen, genauso gut könnte man ihn auch den Baron nennen. Irgendwie passt "der Graf" zu dem verzogenen Gesicht besser. Jener Graf der mir wie Vater, Mutter, und manchmal als der liebe Gott in Personalunion daherkam. Also, dieser Graf rief nach mir und ich ließ mich auch nicht lange bitten. Wir verbrauchten erschreckend wenig Zeit, um uns für unser hervorragendes Erscheinungsbild zu beglückwünschen.

Bei guter Führung, erklärte der Graf wortgewandt, sei es durchaus möglich wenn auch nicht zwingend erwünscht, pro Tag unter 17 Flaschen von seiner Hausmarke "Der Genussspecht"zu verbleiben. Der momentane Ladenpreis von 95 Cent pro Einheit würde zudem noch Spielraum für was "Rauchbares" erlauben, da er nur notfalls auf halb bis dreiviertel verwendete Produkte zurückgreifen würde. Hin und wieder bei unseren wöchentlichen Meetings sind wir uneins welche Flasche den zum dekantieren auserkoren wird. Zur Verfügung steht eben der schon erwähnte "Genussspecht" für 95 Cent, oder der meiner Meinung um eine Nasenlänge voraus mundende "Witwentrost", für 85 Cent pro Flasche. Am Ende ging es nie darum, wer was will, sondern was der Graf als angemessen empfahl. Als angemessen wurde auch die Stimmung und die nötige Distanz vorbeihuschender Zaungäste empfunden. Wollte man doch einige Neuerungen bezüglich der Benutzung des öffentlichen WC´s verhandeln. Zunächst machten wir uns auf um das Grünland im Stadtpark zu begutachten. Der Graf sieht sich seit geraumer Zeit außer Stande, seine aufkommende Inkontinenz bzw. Darmgeschäfte mit zu langen Anlaufzeiten zu verrichten. Ich war es, der ihm anbot, die kleinen Büschchen neben der Abraham Lincoln Büste zu übernehmen, die meistens zu meinem Bedarfsareal gehören. Er nahm es mit dem Auftrag an, ich müsste das Gebiet einer Oberflächen Kosmetik unterziehen, da er keine Lust hätte in meinen abgegebenen Weichteilen herumzustapfen.

Als oberste Instanz entpuppte sich der Graf auch, was den Einwurf in seine Registerkasse bedarf. Manchmal kam es vor dass er einen vorbeikommenden Geschäftspartner bzw. Partnerin, die Hartgeld einwarfen verfolgte, mit dem Hinweis ein grünes Dollar Scheinchen sehe bei seinen Mitbewerbern beachtlicher aus. Dafür wäre ja die freie Wahl der Summe keineswegs reglementiert, gab er den Herrschaften meist noch mit gelüftetem Hut, mit auf den Weg.

Wieder zurück sah ich wie bei mir zuhause, auf der anderen Straßenseite mein Schild, "JEDER DRITTE SPENDER WIRD ERSCHOSSEN, ZWEI WAREN SCHON DA," umgefallen ist. Ich verabschiedetet mich vom Grafen, der seine Hose lupfte um zu prüfen, ob sein Durchfluss schon geschäftsschädigende Ausmaße angenommen hatte.

"Sie meinen, warum ich ihnen das alles erzähle?

Weil ich mir heute laut meines Kontostandes, zwei Flaschen Witwentrost extra dazu verdient habe.

© Chris Doelderer