Bei den tibetischen Kindern

Das Kennenlernen mit meinem Patenkind im Tibetan Children Village im nordindischen Dharamsala verläuft zunächst nicht ganz so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Schüchtern, schweigsam, traurige, dunkle Augen, den Blick zu Boden gerichtet. Was hatte ich mir auch erwartet von einem 10-jährigen Kind, das seine Eltern seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatte? Dass er mir vor Freude um den Hals fällt? In den darauffolgenden Tagen versuche ich langsam und behutsam sein Vertrauen zu gewinnen.

Gemeinsam mit seinen beiden kleinen Schwestern, um die er sich rührend und mit viel Verantwortungsbewusstsein kümmert, führt er mich durch das weitläufige, steil gelegene Kinderdorf, zeigt mir die Schule, die verschiedenen Unterkünfte, den Sportplatz,...

Der Leitsatz “COME TO LEARN, GO TO SERVE” ist allgegenwärtig.

Die Nächte sind kalt. Deswegen schlafen die Kinder zu zweit in einem Bett, kuscheln sich eng aneinander, um nicht zu frieren. Im dunklen Speiseraum warten die Kinder ruhig und gesittet, bis die Betreuerinnen, am Boden kauernd, ihre kleinen Metallbecher mit Eintopf füllen.

Während der Zeit meines Aufenthaltes darf mein Patenkind bei mir im Guesthouse essen. Wahre Köstlichkeiten. Nicht nur das beschämt mich, sondern vor allem sein Verhalten. Nach jeder Mahlzeit kriecht er auf den Boden und kontrolliert pflichtbewusst, ob alles sauber ist.

Mit Tränen denke ich an die vielen Kleinkinder zurück. Eines der Kinder klammert sich an mich, strahlt mich an, als wolle es sagen: Nimm mich doch bitte mit! Die beiden Kinderdorfmütter im Baby Home sind liebevoll, bemühen sich sehr, aber bei 30 Kindern kommt jedes zu kurz.

Außergewöhnliches bekomme ich in dieser Woche zu sehen: eine sensationelle Talentshow, eine tibetische Oper, einen Leichtathletik Wettkampf, ein Schulfest mit beeindruckenden Darbietungen zu Ehren des mit uns im Publikum sitzenden Dalai Lamas. Nie zuvor hatte ich so viel Kreativität und Perfektion gesehen.

Die meiste Zeit verbringe ich jedoch mit meinem Patenkind und seinen Schwestern. Wir spielen, malen, toben herum, lachen, erkunden nicht nur das Kinderdorf, sondern auch das ein paar Kilometer entfernte Dharamsala. So ein Ausgang ist für die Kinder ein Highlight.

Seine kleine Schwester hängt ständig auf mir. Sie will die ganze Zeit gehalten und liebkost werden. Diese Kinder wachsen zwar in einer behüteten Gemeinschaft auf, aber körperliche Nähe bekommen sie zu wenig. Die ganz kleinen Kinder leiden vermutlich am meisten darunter. Und unter chronischem Heimweh leiden sie alle.

Überwältigt von meinen Emotionen reise ich ab und bin um eine wichtige Lebenserfahrung reicher: nicht wir sind reich, sondern diese Kinder. Reich an Mitgefühl, Respekt gegenüber Mensch und Tier, Hilfsbereitschaft, Wertschätzung und Verantwortung für den Nächsten. Mit diesem Reichtum im Herzen meistern diese Kinder ihr Schicksal, wehmütig, aber auch dankbar und zuversichtlich. Ich wünsche ihnen alles Glück der Welt!

© Christa