In 50 Minuten um die Welt

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Sie hat uns entführt. In ferne Länder, zu fremden Kulturen und exotischen Schauplätzen der Weltgeschichte. Sie hat uns den Zauber von Tausend und einer Nacht erleben lassen. Sie hat uns an ihren Abenteuern im Wilden Westen teilhaben lassen. Wir sind auf indischen Elefanten geritten, haben Tempel in Thailand, Vietnam, Kambodscha und Laos besucht. Wir haben den Himalaya bezwungen und sind in einer Karawane durch die Sahara gezogen.

Unsere Geographie Stunden waren wie Reisen „in 50 Minuten um die Welt“. Für mich waren sie so oft die Rettung eines von Misserfolgen geprägten Tages, konnten diesem wieder Freude und Zuversicht einhauchen. Wenn sie uns die Welt in den schillerndsten Farben schilderte, hingen wir regelrecht an ihren Lippen. Mucksmäuschenstill waren wir dann. Ganz weit weg. In einer anderen Welt. In einer anderen Zeit.

Frau Prof. Frank war eine der älteren Lehrerinnen an unserer Schule. Vom Aussehen her hätte man sie sehr leicht für eine strenge Mathematik oder Latein Lehrerin der alten Schule halten können. Doch dieser Eindruck täuschte gewaltig. Ihre Erzählkunst glich der eines alten Indianerhäuptlings, der abends am Lagerfeuer seinen staunenden Stamm unterhält.

In keinem anderem Fach lernte ich mehr als in Geographie. In keinem anderen Fach gab es weniger Tests und Prüfungen. Wozu auch? Ihre derart lebendig erzählten Geschichten und wahren Begebenheiten gruben sich tief in unsere Köpfe ein. Auch keine Begeisterungsstürme auslösende Lehrinhalte vermittelte sie auf eine Art und Weise, die niemanden nebenbei gelangweilt Hexen, Nilpferde oder die aktuelle Flamme in sein Heft krixeln ließ.

Als 14-jährige erwischte sie mich einmal mit einer Schulfreundin beim Rauchen, versteckt in einem U-Bahn Schacht, dort wo Passagiere keinen Zugang haben, die U-Bahnen mit Höchstgeschwindigkeit ganz knapp an einem vorbeidonnern. Sie las uns damals weder die Leviten, noch verständigte sie unsere Eltern. Sie stand nur da, mit toternstem Blick und nickte stumm. Ihre Botschaft jedoch kam an, nachhaltiger als jedes Donnerwetter.

Die Weihnachtsferien 1984/85 verbrachte ich gemeinsam mit vielen anderen Jugendlichen bei minus 15 Grad in der Hainburger Au, die Nächte in einem Zelt. Vielleicht lag mir die Au bzw. der Protest gegen das Wasserkraftwerk ja wirklich am Herzen. Ganz sicher aber wollte ich als Schülerin einer katholischen Mädchenschule endlich einmal etwas Aufregendes erleben.

Als ich Frau Prof. Frank nach den Ferien von meinem Aufenthalt in der Au erzählte, war sie Feuer und Flamme. An ihre Worte kann ich mich noch genau erinnern: „Du hast dein Pensum für dieses Schuljahr erfüllt! Bei mir brauchst du dich heuer nicht mehr anzustrengen.“ Anstrengen?

Durch sie war die Welt plötzlich zum Greifen nahe. Meinem seit frühester Kindheit in mir schlummernden Fernweh hat sie Flügel verliehen, die mich letztendlich dorthin getragen haben, wo es am schönsten ist: hinaus in die wunderbare weite Welt.

© Christa