Manche mögen's nicht so heiß

Dichter Schneefall an jenem Winterabend 1969. Alles ist weiß. Friedliche Stille liegt in der Luft. Schneeflocken verleihen der Luft einen ganz besonderen Duft, sie lassen Frieden einkehren, haben Magie. Und machen glücklich.

Mit solch einem Glücksgefühl sitzt mein Vater an jenem Abend in seinem schneebedeckten Auto und wartet. Meine Mutter würde jeden Moment aus der Schnellbahn aussteigen. Mein Vater schließt kurz die Augen, lässt den Tag Revue passieren und beginnt zu träumen: bald würden sie zu Hause sein. Er würde sich aufs Sofa fallen lassen und alle viere von sich strecken. In der Zwischenzeit würde meine Mutter ein köstliches Abendmahl zubereiten, sich um Kind und Kegel kümmern und ihn danach vielleicht sogar noch mit einer entspannenden Massage verwöhnen. Herrlich! Wie schön das Leben doch sein konnte!

Müßiggänger im trauten Heim erregten weibliche Gemüter (noch) nicht so sehr, anno dazumal.

Die Bremsen der Schnellbahn reißen meinen Vater aus seinen Tagträumen, ein kurzer Blick in den Rückspiegel, schnell noch die Frisur in Façon gebracht und… ah, da kommt sie ja… angestapft. Mein Vater beugt sich zur Beifahrertür, um meiner Mutter galant die Tür zu öffnen, doch… was macht sie da? Wohin um alles in der Welt rennt bzw. stapft sie? Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern oder meinen Vater eines Blickes zu würdigen, stapft meine Mutter am Auto meines Vaters vorbei, reißt entschlossen die Autotür des nächst parkenden Autos auf und lässt sich kopfüber hineinfallen.

Meinem Vater wird heiß, sehr heiß sogar. Er schnappt nach Luft. Ein Liebhaber! Das war‘s dann. Sein schönes Leben sieht er sogleich wie Schnee dahinschmelzen. Sein Gedankenkarussell beginnt sich langsam zu drehen. Was kostet so eine Scheidung eigentlich? Ihm wird schlecht.

Zehn Meter weiter lässt sich meine Mutter in den Autositz fallen und beutelt wie ein Hund den Schnee ab. „Servus Schatz!“ Im selben Moment reißt eine unbekannte Frau die Autotür auf und brüllt: „Sag mir sofort, wer diese Frau ist!“ Meine Mutter dreht sich nach links und sieht am Steuer einen fremden Mann mit Pudelhaube, weit aufgerissenen Augen und noch viel weiter aufgerissenem Mund. Auf der anderen Seite fuchtelt der hysterisch kreischende Schneemann wild mit überdimensionaler Handtasche und Billa Sackerl.

Meine Mutter, blutjung und kein Kind von Traurigkeit kann sich, ob des Malheurs, nicht mehr halten und bricht in schallendes Gelächter aus. Die vermeintlich Betrogene dreht vollkommen durch, ihr Mann am Steuer hyperventiliert.

„Einen schönen Abend noch“ grunzt meine Mutter, schiebt das kreischende Weib zur Seite und rennt. In der Zwischenzeit war mein Vater ausgestiegen, ihm war ganz dringend nach Abkühlung. „Steig endlich ein und start‘ die Kraxn!“ schreit meine herbeistürmende Mutter. Und da brausen sie auch schon dahin. In jener tief verschneiten Winternacht fiel die „Versöhnung“ meiner Eltern mit größter Wahrscheinlichkeit ganz besonders heiter und innig aus.

© Christa