Und er sollte recht behalten

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Und er sollte recht behalten | story.one

“Es ist soweit!”, flüstert meine Großmutter meinem Großvater am 26. August 1947 zu.

Tiefe Sorgenfalten legen sich über ihre schweißgebadete Stirn. Unter normalen Umständen wäre dieser Tag ein Freudentag. Doch von normalen Umständen kann nicht die Rede sein.

Halb Wien ist zerbombt. Lebensmittel sind knapp und das, was für Lebensmittelkarten erhältlich ist, reicht nicht aus, um zu überleben. Flüchtlinge bekommen zusätzlich amerikanische „Care“ Pakete, zur Freude der Kinder auch mit Schokolade befüllt.

In einer zu einem Flüchtlingslager umfunktionierten Schule hausen meine Großeltern. Sie teilen sich ein Klassenzimmer mit drei weiteren kinderreichen Familien. Vier Mädchen wuseln bereits durch die Gänge der Schule, fröhlich und aufgeweckt, aber vor allem ahnungslos, welchen Kraftakt es für meine Großeltern bedeutet, ihr Überleben zu sichern.

Gott sei Dank sehen Kinder die Welt mit anderen Augen. Gott sei Dank gibt es Eltern, die es mit ihrem unerschütterlichen Glauben an das Gute schaffen, ihren Kindern den Schrecken des Alltags zu nehmen. „Das Leben ist schön!“ Trotz Vertreibung aus der Heimat, Vernichtungslager, Flucht, Flüchtlingslager, Hunger, Not. Trotz allem! So empfinden das meine Tanten damals dank der grenzenlosen Liebe und Fürsorge meiner Großeltern.

Die Ankunft eines fünften Kindes ist unter diesen äußerst schwierigen Voraussetzungen kein allzu großer Grund zur Freude, sondern eine große zusätzliche Last. Wie soll es weitergehen? Wie soll man das schaffen?

Viel zu früh setzen bei meiner Großmutter die Wehen ein. Kurz vor Mitternacht geht die Tür des Kreissaales auf. Mein Großvater blickt in zwei müde, aber vor allem ernste Augen: „Es ist ein Bub!“ sagt die Hebamme.

„Na endlich a Bua!“, ruft mein Großvater erleichtert und will sich sogleich – wie damals üblich – auf den Weg nach Hause machen. „Bitte bleiben Sie noch da!“, erwidert die Hebamme ernst. „Warum?“, will mein Großvater wissen.

„Bleiben Sie einfach da!“, murmelt die Hebamme und verschwindet wieder im Kreissaal.

Das kann nichts Gutes verheißen. Meinen Großvater hält nichts mehr auf der harten, abgenutzten Holzbank. Der weiße, kühle Gang wirkt mit einem Mal beklemmend. Unerträglich das Geschrei der Gebärenden, der Geruch nach Jod und Desinfektionsmittel.

Es ist der 27. August 1947. Endlich! Die Hebamme taucht im Türrahmen auf. Ihre Mundwinkel zucken leicht. Lächelt sie?

„Sie haben auch ein Mädchen bekommen!“

Das Mädchen ist meine Mutter.

Im Kreissaal liegt meine Großmutter und weint. Auf die Frage des Arztes, warum sie denn so verzweifelt sei, erwidert sie: „Herr Doktor, wir können doch kaum unsere vier Mädchen versorgen. Wie sollen wir das jetzt mit Zwillingen schaffen?“

Der Arzt, in weiser Voraussicht lächelnd, hält einen Moment inne, legt behutsam seine Hand auf die meiner Großmutter und sagt: „Liebe Frau L., es wird alles gut! Schickt der Herr ein Haserl, dann schickt er auch ein Graserl.“

Und er sollte recht behalten!

© Christa 30.08.2019