Umwerfend

Zwei Monate war ich nun schon in den Vereinigten Staaten, als ich eines Tages eine körperliche Veränderung bemerkte, die mir ganz und gar nicht behagte. Und damit meine ich nicht die durch Rinderhormone und amerikanischen Fastfood Fraß hervorgerufene Cellulitis. Es war etwas anderes. Aus der rechten Seite meines Halses wuchs eine Art Knödel, das von Tag zu Tag größer wurde. Saublöd sah das aus! Und noch viel blöder war dieser Zustand ohne Krankenversicherung.

Es blieb mir aber nichts anderes übrig, als ein Spital aufzusuchen, um dieses seltsame Ding abchecken zu lassen. Also eine Biopsie wäre unumgänglich, meinte der Arzt, denn es könnte ja auch bösartig sein. Mir wurde schlecht. Krebs? Mit 23? Ich solle mich mal nicht gleich aufregen, denn Biopsie hieße nicht automatisch bösartig.

Einige Tage später war es soweit. Anscheinend war ich nicht die Einzige, die an jenem Tag höchst angespannt war. Der nette Herr Doktor stellte mir einen jungen Studenten vor und fragte mich, ob es mir etwas ausmachen würde, wenn dieser bei der Prozedur zusehen würde. Er dürfe gerne zusehen, wenn ihm das Spaß mache, meinte ich schlotternd, Hauptsache es gehe schnell vorüber.

Nach kurzer Vorbereitung zückte der Arzt eine elendslange Nadel und stach zu. Mir war zum Schreien zumute. Stattdessen versuchte ich ruhig liegenzubleiben und keinen Mucks von mir zu geben. Vor dem feschen Studenten wollte ich mir nun wirklich keine Blöße geben. Ich begann zu beten. Da fiel plötzlich etwas mit lautem Krach zu Boden. War das der Allmächtige, der gekommen war, um mir persönlich beizustehen? Ich nahm mir fest vor, öfters in die Kirche zu gehen. Der Arzt erstarrte für einen kurzen Moment. Ich starrte den Arzt an. Der Arzt starrte zu Boden. Wo war der Student? Der lag auf dem Boden. Ich lag auf dem Behandlungstisch mit riesiger Nadel im Hals, der Student bewusstlos und blutüberströmt auf dem Boden. Was für eine unpässliche Situation!

Dem angehenden Mediziner dürfte allein der Anblick zu viel geworden sein, obwohl ich mir durchaus vorstellen kann bzw. weiß ich es mit Sicherheit aus dem Internet, dass eine Herztransplantation einen weitaus grausigeren Anblick bietet. Auf jeden Fall war er ohnmächtig zu Boden gestürzt und hatte sich dabei eine gewaltige Platzwunde am Kopf zugezogen.

Der Arzt war einigermaßen überfordert. Wem sollte er nun Priorität einräumen? Der Bewusstlose spürt ohnehin nichts mehr, wird er sich gedacht haben, so war ich die Glückliche. Der Student erwachte bald aus seiner Ohnmacht und war im wahrsten Sinn des Wortes am Boden zerstört. Untröstlich entschuldigte er sich unzählige Male für seinen Fauxpas, während der Arzt ihm den Kopf verband und gut zuredete. Das würde jedem zu Beginn seiner Laufbahn passieren.

Nach unerträglich langen zwei Wochen erhielt ich endlich das Ergebnis der Biopsie. Negativ. Wir machten beide einen Luftsprung, die Halszyste und ich. In den darauffolgenden Monate wuchs und gedieh sie weiter, dass es eine „Freude“ war.

© Christa