Wie spät ist es? – Un amore italiano

Das Wien der 1980er Jahre war nicht gerade berühmt für sein heißes Pflaster, noch für sein multikulturelles Flair, wenn man von den vielen slawischen und ungarischen Namen im Telefonbuch absieht.

Das Kabelfernsehen steckte noch in den Kinderschuhen, das Internet war noch nicht geboren und auf den Eurovision Song Contest freute man sich das ganze Jahr, denn er war das akustische Tor zur Welt und die einzige Möglichkeit, zu Hause einer anderen europäischen Sprache zu lauschen. Gebannt saßen wir dann alle vor dem Fernseher und wenn es „Italy, twelve points! Italie, douze points!“ hieß, wurde mir warm und wehmütig ums Herz.

1983 durfte ich in der Schule endlich Italienisch lernen und Europa rückte wieder ein Stück näher. Doch wo sollte ich die Sprache üben und anwenden? In der Osterwoche 1984 pilgerten unzählige italienische Schülerklassen nach Wien. Das war meine Chance! Auf der Rolltreppe am Stephansplatz nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und fragte einen sehr sympathisch und gut aussehenden Italiener - nicht sehr originell - nach der Zeit: „Che ore sono?“

Gefunkt hat es sofort, ein Rendezous für den Abend war in Windeseile vereinbart. Gewartet habe ich dann jedoch vergebens. Da hatten wir die Rechnung ohne den Wirt, nämlich die Lehrer gemacht. Doch manchmal ist das Schicksal gnädig. Zwei Tage später verabschiedete ich Freunde am Südbahnhof, stand vor einem Zugfenster, der Remus kurz vor der Abfahrt. Plötzlich hörte ich einen Schrei aus dem Fenster des Nebenabteils: „Chrrrrista!“

Mein Italiener! Mein Michele! Mein Herz machte einen Sprung! Gleichzeitig setzte sich der Zug in Bewegung, im letzten Moment konnte er mir gerade noch einen Zettel mit seiner Adresse zuwerfen. Und weg war er. Aber das Schicksal nahm seinen Lauf. Diese wenige Sekunden dauernde Begegnung hat mein Leben geprägt, meinen Horizont erweitert, die Liebe für ein anderes europäisches Land entfacht.

Unzählige Briefe gingen in den darauffolgenden Monaten hin und her. Telefonieren war für uns Schüler damals viel zu teuer. Im Sommer war es dann endlich soweit! Zuerst ein Sprachkurs in Florenz, danach gab es das große Wiedersehen in Ravenna. Meine erste große Liebe… ein unvergesslicher Sommer voller Romantik! Wir waren noch zu jung, die Kommunikationsmöglichkeiten spärlich. Doch eine unerfüllte Liebe muss nicht das Ende sein. Es war der Beginn einer ganz besonderen Freundschaft. Seelenverwandtschaft kennt keine Grenzen.

Heute, nach 35 Jahren, sind wir nach wie vor innige Freunde, genauso wie unsere Eltern und mittlerweile sogar unsere Kinder. Unzählige Male waren der Adria Express, der Remus und der Romulus unsere Sehnsuchtsstiller, vielen Freunden haben wir unsere neue Welt gezeigt, mein Italienisch Dolmetsch-Studium die logische Konsequenz. Seitdem gab es kein einziges Jahr ohne Besuch in der Stadt der Mosaike, der Heimat meines Herzens, Ravenna.

© Christa