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Das Freitagsritual

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Das Freitagsritual | story.one

Ich liebe Rituale. Als ich in Wien lebte, war mir mein Freitagsritual heilig. Gegen 12.00 Uhr erklärte ich die Arbeit in der Agentur für überbewertet, die Programme am Apferl wurden jäh beendet und der Wochenendmodus hochgefahren. Ich spazierte in die Stadt.

Am Graben grüßte die Frühlingssonne. Bei der Konditorei Lehmann waren bereits Sonnenschirme gespannt, elegante Damen hatten Schinkenrollen und Kardinalschnitten vor sich, den prickelnden Hochriegl daneben. Mein Magen knurrte und ich holte mir rasch ein "Lehmannröllchen" (Hohlhippe mit Haselnusscreme in Schokolade). Das reicht zumindest bis zum Café Prückel, dachte ich.

In der Wollzeile galt mein erster Halt dem Schönbichler. 50 g Mönchs-Tee und ein paar Momente die Augen schließen um all die exotischen Duftnoten aufzunehmen, die diesem einzigartigen Teehaus innewohnen. Mein Magen knurrte erneut, das Röllchen hatte ihn nur rebellisch gemacht. Weiter zum Morawa.

Mein Weg führte in den ersten Stock zu den Taschenbüchern. Dort machte ich freitags mein "Zufallsbuch-Spielchen". Ich wählte einen der drehbaren Büchertürme aus, gab dem Regal einen ordentlichen Schubs und wartete mit geschlossenen Augen bis das nervige Quietschen abnahm. Dann stoppte ich mit dem Zeigefinger das Regal und blickte gespannt auf meine Wahl. "Der Todesengel von Rostow", Porträt eines russischen Massenmörders. JESSAS NA entfuhr es mir so laut, dass eine blonde - höchst attraktive - Frau neben mir loslachte. Sie musste mich schon länger beobachtet haben und kriegte sich fast nicht mehr ein.

Entgegen meiner Zufallsbuch-Usancen entschied ich ich für einen zweiten Versuch. "Auslöschung". Thomas Bernhard. Das klang zwar auch nach Vernichtung aber literarisch anspruchsvoller. Erleichtert nahm ich den Bernhard und stöberte nun gezielt weiter. Zu meinem Leidwesen verlor ich dabei die attraktive Blondine völlig aus den Augen.

Mit fünf Büchern unterm Arm bahnte ich mir den Weg zu den gebundenen Neuausgaben im Erdgeschoss. Auf einem Pult erblickte ich ein einsames Exemplar von "Arcodamore", der neue Roman von Andrea De Carlo. Ich griff blitzartig zu. Doch im gleichen Moment war eine grazile Hand ebenfalls an diesem Buch und hielt es fest. Erschrocken blickte ich in ein azurblaues Augenpaar, das mich durch eine schwarz gerahmte Ray Ban abwartend musterte.

Aus dem Nichts war sie wieder da. Close-up. Auge in Auge abwartend hatte jeder seine Hand verkrampft am neuen De Carlo. Ich spürte ihren Duft aus weichem Leder und dem verschwindenden Hauch von Eau Sauvage. Eigentlich ein Männerduft, aber er passte perfekt. Ihre Lippen formten langsam ein Lächeln, das zwei kecke Grübchen in die Wangen zeichnete.

SHIT. Jetzt muss dir ein verdammt guter Satz einfallen, ratterte es in mir. Etwas ganz besonders Charmantes, was Originelles! Reiß dich jetzt BITTE ZUSAMMEN:

"Aber ich war zuerst dran ..." sprudelte es leicht trotzig aus mir heraus.

Der anschließende Biss in meine Zunge tat höllisch weh.

© Christian Leimer 05.04.2020

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