Die Deutschstunde.

Deutschstunde mit Johann Nestroy. Da gab's immer ein mords Trara in der Klasse. Wir hatten die herrliche Posse "Der Zerrissene" auf unseren Bänken und lasen diese mit verteilten Rollen. Ich war der Krautkopf. Allein bei diesem Namen kam schon Gelächter auf. Und erst recht, wenn wir unseren jeweiligen Text mit übertriebener Mimik und teils verstellten Stimmen interpretierten.

Unsere Deutschlehrerin, Frau Aloisia Pamperl, bewies bei der Auswahl der Schulliteratur ein feines Händchen. Ob ihrer bizarren Art hätte sie auch jederzeit in einem Nestroy-Stück auftreten können. Sogar ohne ihren Namen zu ändern.

Aloisia Pamperl war eine zierliche Person, die gerne Pepita Kostüme trug und Handschuhe aus weißer Spitze. Sie hasste Kreide und schrieb daher nie an der Tafel. Das mussten wir Schüler übernehmen. Als einzige Lehrerin benutze die Pamperl einen Teleskop-Zeigestab. Bei ihren Vorträgen (wir hatten sie auch in Geschichte) spielte sie gerne damit, zog ihn auseinander und bald wieder zusammen. Ab und zu kitzelte sie mit ihrem Stab einen Schüler am Ohr oder in den Rippen, wenn dieser gerade in einer Parallelwelt von Bensdorp Schoko und Panini Bildern träumte. Das kam manchmal auch bei mir vor.

"Na, was hab ich grad über den Grillparzer erzählt, Christian?"

"Ähhh … also ... dass er ein großer Dichter is …"

"Na bravo … ich sprach eben von der Türkenbelagerung und wusste gar nicht, dass der Prinz Eugen was für's Theater g'schrieben hat!"

Eines Tages kam die Pamperl wieder mit einem Stoß Reclam-Hefte in die Klasse. Wir freuten uns schon auf ein neues, lustiges Stück. Doch beim Austeilen wurde und schnell klar, diesmal wird's fad. Am Deckblatt stand "Parzival, ein Versroman von Wolfram von Eschenbach". Ein Raunen, flankiert von einigen Flüchen, ging durch die Klasse. Aloisisa Pamperl klopfte energisch auf den Tisch und erbat sich Aufmerksamkeit. "Ein bisschen Abwechslung tut euch gut. Diesmal machen wir einen Ausflug in die mittelhochdeutsche Literatur." Wieder kam Gemurmel und Gestöhne auf. Mit "Es kommen aber auch ein paar Ritter vor …" wollte sie vor allem uns Buben ein wenig versöhnlich stimmen. Die Neugierde war plötzlich geweckt, wenn auch gebremst.

Nach einer gefühlten Ewigkeit war ich dran. Und dann kam sie. Die Zeile, in der Parzivals Halbbruder Feirefiz auftauchte. Ich brachte gerade noch "Feire …" heraus, gefolgt von einem gewaltigen Urschrei! Mein bester Freund Thomas hatte mich genau an jener Textstelle ins Ohr gebissen. Die Klasse brüllte und Aloisia Pamperl richtete ihren Zeigestab martialisch auf mich, wie Ritter Parzival die Lanze auf Feirefiz. Vor Schmerz brachte ich keinen Ton heraus.

"Was führt's ihr Deppen eigentlich auf?" zischte die aufgebrachte Pamperl, während Thomas kleinlaut erwiderte: "Es woa grod a bissl fad, Frau Lehrer."

Der "Feire" blieb mir bis heute, wie auch die Erinnerung an die unvergleichliche Aloisia Pamperl (Gott hab sie selig). Die beste Deutschlehrerin, die ich je hatte.

© Christian Leimer