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Wiener Grant

  • 1.009
Wiener Grant | story.one

Wien ist nach Paris die grantigste Stadt weltweit. Respekt! Das muss man sich erst einmal erarbeiten. Mir fehlt dieser gelebte Grant derzeit sehr. Hier in Salzburg herrscht die Etikette. Schließlich lebt man von den Gästen, den Festspielen, die um jeden Preis stattfinden müssen. Man wahrt stets den Schein vor dem Sein. Unendlich langweilig.

Wenn ein Salzburger im Kaffeehaus vom Kellner nach seiner Meinung zu einem frischen Stück Apfelstrudel gefragt wird, kommt sehr gerne: "Ausgezeichnet! Hervorragend, Kompliment an die Küche!" Würde man einem Wiener Original, der die gute Schule des Grants beherrscht die gleiche Frage stellen, käme: "Eh ned so schlecht, oba z'vü Rosinen und a bissl z'iaß." Wobei solch eine Bewertung bereits einer Adelung der kredenzten Mehlspeis gleichkommt. Ich hab da schon weit schärfere Urteile gehört, wie einst im Café Bräunerhof, das ich gerne aufsuchte, wenn mir nach geselliger Einsamkeit und gepflegtem Grant zumute war.

Im Bräunerhof wurde man damals zuallererst als Bittsteller gesehen, erst in zweiter Linie als Gast. Hier wurde die Hochkultur des Grants zelebriert. Nicht zuletzt deshalb, weil Thomas Bernhard gleich links beim Eingang seinen Stammplatz hatte. Eines Nachmittags, ich blätterte gerade in der FAZ und zog entspannt an einer Dannemann, beschwerte sich ein Gast am Nebentisch bei einem Piccolo (Kellnerlehrling). Es ging um zwei Nussbeugerl, denen angeblich die Frische fehlte. Der arme Piccolo ließ einige unflätige Tiraden über sich ergehen und marschierte geknickt Richtung Oberkellner Fritz - die Institution im Bräunerhof. Herr Fritz hörte mit einem Ohr die geflüsterte Klage des jungen Mannes, zupfte an seinem Mascherl und nahm gleichzeitig die Hans-Moser-vorm-in-die-Luft-gehen-Mimik ein. Mit Hangerl bewaffnet schritt er zu besagtem Nebentisch.

Ohne eine Silbe der Entschuldigung grantelte Herr Fritz los: "Wos hob i g'hört?" Die Bemerkung geriet etwas zu laut, sodass auch einige andere Gäste von ihren Zeitungen neugierig aufblickten. Der angesprochene Herr war plötzlich konsterniert und wiederholte nun fast devot seine Kritik. Oberkellner Fritz ignorierte den Einwand, griff nach dem zweiten, noch unberührten, Nussbeugerl und brach ein Stück davon ab. Mit zwei Fingern hielt er das corpus delicti dem Gast vor die Nase und dozierte: "Des Beugerl is frisch! Die Nuss'n sind erst heut' aus dem Waldviertel kommen. Frischer geht's ned." Wiener Grant in Reinkultur.

Beim gepflegten Grant geht es ja per se nicht nur um schlechte Laune. Es hat was unerhört Befreiendes, seiner Zunge freien Lauf zu lassen. Bereits in der Antike grantelten sich Heraklit und Diogenes in philosophische Höhen. Überhaupt bin ich der Meinung, man sollte den Wiener Grant in das immaterielle UNESCO Weltkulturerbe aufnehmen. Als nationalen Schirmherrn schlage ich Michael Häupl vor. Seine markigen Bonmots fehlen so sehr. Und als internationalen Botschafter nominiere ich Hugh Grant ...

© Christian Leimer 15.05.2020

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