1. Reihe fußfrei!

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1. Reihe fußfrei! | story.one

Meine Großeltern waren so verschieden wie zwei Kontinente. Oma entstammte einer ungarischen Familie, die Ländereien nahe des Plattensees besaß. Schon als junges Mädchen interessierte sie mehr das Abenteuer in fernen Ländern als die flachen Landstriche am Balaton. Nach dem Ende der Monarchie schaffte sie es mit viel Glück sogar bis nach Südamerika.

Als Sohn eines Bahnhofvorstandes hatte Opa das Gleis in die weite Welt schon vor sich, doch sein Weg geriet etwas kürzer und führte ihn von Amstetten nach Gumpoldskirchen. So ungleich ihre Wege auch waren, die beiden fanden zueinander.

In den Jahren nach 1945 war ans Reisen kaum zu denken. Das gemeinsame Durchkommen mit zwei Buben stand in jener Zeit im Vordergrund. Wenn Fernweh aufkam, wurde es im Kino gestillt. Ein Sonntagnachmittag mit der Austria Wochenschau und den damaligen Filmgrößen, dazu ein Stanitzel Krachmandeln. Das kleine Glück war perfekt.

An einem dieser Sonntage war "Hallo Dienstmann" auf dem Programm. Vor dem Kino trafen meine Großeltern Herrn Leopold, Kriegsinvalide und neugieriger Nachbar. Trotz seiner oft unangebrachten Späße mochte Opa den armen Kerl, der zudem an chronischer Flatulenz litt. Immer wenn er seinen Hut zum Gruß lüftete, konnte er dazu auf Kommando flatulieren. Oma fand das mäßig lustig und nannte ihn abfällig "Schas-Poidl".

Wie immer setzten sie sich in die 3. Reihe des nach hinten ansteigend verlaufenden Saales. Kurz nach der Wochenschau wurde Opas Kopf immer schwerer und senkte sich auf Großmutters Schulter. Die 5 Achterl Riesling vom Frühschoppen forderten Tribut. Oma ließ es gewähren, hatte sie doch nur Augen für das großartig agierende Duo Moser und Hörbiger. Opa war längst tiefenentspannt. Allerdings atmete er durch den offenen Mund, wodurch sich sein falsches Gebiss langsam vom Oberkiefer lockerte. Als Oma ihm einen Ellbogenstoss versetzte, verabschiedete sich Großvaters Prothese endgültig und rutschte am blanken Holzboden nach vorne. Opa erschrak kurz und nickte, ohne was zu merken, gleich wieder ein.

Kaum erschien ENDE auf der Leinwand, war Großvater putzmunter und meinte: "Schön war's, gell?" Oma verdrehte nur die Augen und machte sich zum Gehen bereit. Die Leute bewegten sich gemächlich zum Ausgang als Frau Schöberl, die umsichtige Kinobesitzerin, in der 1. Reihe etwas entdeckte. Sofort bimmelte sie mit ihrer obligaten Handglocke und rief energisch durch den noch halb vollen Saal:

"Herrschaften, da is a Gebiss, 1. Reihe fußfrei!" Oma erstarrte und fixierte ihren Mann: "Jetzt hast schon wieder deine Dritten verlor'n!"

Auch Opa war jetzt klar, dass es sich um seine obere Zahnreihe handelte und bedankte sich verlegen bei Frau Schöberl. Sogleich war auch der neugierige "Schas-Poidl" zur Stelle und lüftete seinen Hut. Diesmal nicht grüßend sondern aus Mitfreude über die gefundene Prothese. Aus alter Gewohnheit flatulierte er dennoch.

Oma zischte einen ungarischen Fluch und eilte schnurstracks aus dem Kino ...

© Christian Leimer