Gustav verliert sich ...

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Gustav verliert sich ... | story.one

Einmal im Jahr raffte sich Gustav auf, sein riesiges Bücherregal zu saugen, das auch viel Nichtliterarisches beherbergt. Im obersten Fach lagen einige Neujahrs-Glückspfennige auf einem Buch, die plötzlich klimpernd in den Bauch des Staubfressers kullerten. Der Regalputz war schlagartig beendet. Gustav griff nach dem Buch und schmunzelte: 'Einmal Venedig und zurück'. Wie lange war diese Geschichte von Silvio Toddi nicht mehr in seinen Händen. In Gedanken spazierte Gustav zum Campanile, hörte den Musikern im Café Florian zu und machte sich auf den Weg zu seiner Lieblingsbar Rosa Salva ...

Gustav blätterte weiter und traute seinen Augen nicht. Ein Foto aus Schulzeiten lugte da zwischen den Seiten hervor. Er sah sich neben M. stehen, der er schelmisch zuzwinkerte.

Schon damals war er verliebt in sie, weil M. mit ihm die Weintrauben teilte, die sie als Jause mitbekam. Andere Buben aßen schmatzend Wurstbrote und rülpsten während Gustav mit M. die süßen Beeren naschte. Was ist bloß aus ihr geworden, wann hatte er sie zuletzt gesehen ... doch Gustav verlor einmal mehr den Faden und versank im ersten Kapitel.

'Suchet nicht, so werdet ihr finden' stand da. "Das sagt sich so leicht, lieber Signore Toddi! Wie soll ich denn etwas finden ohne danach zu suchen" sprach Gustav ins Buch hinein. Apropos! Wie gerne würde er M. wieder finden, sie ans Herz drücken und ihr bei einem Glas Wein ...

Aber gerade wenn es um Herzensangelegenheiten ging, war Gustav selten ein Mann der kühnen Tat. Doch dieses Foto sandte ihm eine Botschaft. Die wenigen Begegnungen seit ihrer gemeinsamen Schulzeit liefen nun ab, wie Rückblenden in einem Truffaut-Film.

... eine schwüle Augustnacht, Menschen klebten an der Bar, das Eis im Glas schmolz schneller als ein Song dauerte. Plötzlich stand sie vor ihm. In ihren dunklen Augen glitzerten die Sterne um die Wette. Eine schwarze Locke war keck nach vor gerutscht und wippte im Takt zu George Bensons On Broadway ...

Gustav nahm jetzt jedes Körnchen Mut, das er nur irgendwo finden konnte und tippte ein paar Zeilen. Sein Herz drückte rasch auf SENDEN, bevor sich sein Kopf mutlos mit ENTWURF zufrieden gab.

Als er Wochen später vor ihrer Tür stand, sprang Gustavs Herz vor Aufregung in die Luft und kam nicht mehr zurück. Er legte sich einen ersten Satz zurecht, mit Prädikat, Subjekt und allem was dazugehört. Doch als M. erschien, sprudelte alles in einer Geheimsprache heraus.

"Großbuchstaben bitte zuerst" lachte sie herzlich und drückte Gustav fest an sich. Und sogleich spürte er ein anderes Herz ganz kräftig schlagen. Ohne Einleitung und Umwege setzten sie ihre Unterhaltung an jener Stelle fort, wo sie vor vielen Jahren auseinander gingen.

Sie spazierten an vertrauten Weingärten entlang, begleitet von der wärmenden Herbstsonne. Bei einem Rebstock mit überreifen Trauben hielt M. inne und reichte Gustav eine Beere. Er kostete und fragte:

"Und wohin möchtest du jetzt?"

"Ich weiß es nicht."

"Wunderbar, da will ich auch hin ..."

© Christian Leimer