Kaffeehaus im Kopf

  • 693
Kaffeehaus im Kopf | story.one

6.15 Die Espressomaschine zischt auf Betriebstemperatur und das rhythmische Klirren von Kaffeelöffeln an den Untertassen hört sich an, als würd' der Johann Strauss eine Wiener Melange dirigieren ... abrupt holen mich meine beleidigten Bandscheiben aus dem Kaffeehaus-Himmel in die Realität der Morgensteife. Heute zwicken Nr. 3 und 4, gestern war es die linke Hüfte. Du wirst alt, denk ich und probiere erste Dehnungsübungen im noch angenehm warmen Bett.

7.45 Der halbherzige, müde Versuch einer Übung mit dem Theraband wird wegen hartnäckiger Blockade der Lendenwirbeln abgebrochen. Dann eben zuerst einen Vitaminbooster auf den noch ahnungslosen Magen. Getrocknete Ingwerstücke, eingelegt in Zitronensaft. Wer davon nicht munter wird, dem hilft selbst das Rote Kreuz nicht mehr.

8.30 Zweiter Versuch der morgendlichen Toilette (der erste gestattete das Beugen beim Waschbecken nicht), die Geschmeidigkeit in den Gelenken kehrt nur langsam zurück. Der Bauch rebelliert. Ich würd's an seiner Stelle auch tun.

8.55 Ich wecke meinen Computer auf. 18 Nachrichten von story.one, 3 E-Learning-Mails von der Schule meines Sohnes (was selbstverständlich auch Arbeit für mich bedeutet) und meine Physiotherapeutin informiert, dass die nächste Behandlungsserie wegen Corona verschoben wird. Ein Griff an den beleidigten Rücken, begleitet von einem Fluch. Der erste Espresso ruft.

9.10 Ich radiere Termine in meinem Kalender aus, die folgenden Seiten werden immer leerer. Lediglich Randnotizen unter "heute zu erledigen" bleiben stehen aber gleichzeitig auch unerledigt. Heute wäre ein Termin im Café Tomaselli vorgesehen, ein Geschäftstermin mit mir selbst. Ich arbeite manchmal dort, weil ich ja zuhause keine Kollegen habe. Herr Alfred, seines Zeichens Oberkellner, fehlt mir. Und sein "Jetzt kommt gleich der erste Apfelstrudel aus der Küche, ein Stück wie immer?".

Mein zwei Tage altes Kamut-Kipferl rettet mich da nicht wirklich. Aber wenn ich schon physisch nicht ins Kaffeehaus darf, dann zumindest virtuell. Ein Klick auf www ... und schon hat das Tomaselli geöffnet. Der erste Weg führt sofort zur Kuchenvitrine. Himbeerschüsserl, Esterhazytorte, Mohnbeugerl ... die Entscheidung fällt wie immer schwer, ich nehme daher alles. Der Stammplatz beim Zeitungsständer ist auch frei. Glück braucht man halt. Meine Kaffeehausseele jubelt und ich bestelle einen Mokka ...

11.23 Sohn Max kommt im Pyjama ins Arbeitszimmer und moniert: "Was ist heute mit dem Internet los, die Playstation ist so langsam!" Ich wünsch' ihm auch einen guten Morgen und berichte von den neu eingetroffenen E-Learning-Aufgaben in Mathe und Latein. "Kannst mir das ausdrucken, mach ich am Nachmittag, aber jetzt wär' ein Frühstück super ..." sprach's und ist dahin.

So stellt der Corona-Alltag die unterschiedlichsten Herausforderungen. An Schüler wie Eltern. Aber das kratzt mich nicht die Bohne, denn mit Kaffeehaus im Kopf geht alles ein bissl leichter ...

© Christian Leimer