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Die Sardine

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Die Sardine | story.one

1941. Im Westen von Kreta tobte bis vor kurzem der schlimmste Luftkampf des Krieges. Tausende Fallschirmjäger segelten wie weiße Pilze in den unvermeidlichen Tod. Bomber stürzten ins Meer und blieben stumme Zeugen von erbitterten Gefechten. Ein Pyrrhussieg, der unendlich viel Blut und Leid zurück ließ.

Großvater saß allein an einem Strand im Süden der Insel. Sein Gewehr lag im Sand neben ihm. Er zog an einer selbst gedrehten "Ägyptischen" und blies den Rauch aufs Meer hinaus. Seine Gedanken waren bei seiner Frau und dem zweijährigen Fritz, den er so sehr vermisste. Den Krieg verabscheute er. Großvater wusste nicht einmal, warum ausgerechnet diese Insel so wichtig für die Deutsche Wehrmacht war. Die Verluste bei den Fallschirmjägern waren enorm, allein sie berührten ihn nicht. Was Großvater einzig schmerzte, war die gestohlene Freiheit und nicht dort zu sein, wo er dringend gebraucht wurde.

Im Augenwinkel bemerkte Opa einen Mann, der langsam den Strand entlang schritt. Das Gewehr lies er nach wie vor unberührt im Sand. Der Mann trug etwas bei sich und kam näher. Noch 30 Meter. Auch er zeigte keine Furcht vor dem am Strand sitzenden Soldaten, der doch sein Feind sein musste. Noch 20 Meter. Großvater erkannte ihn jetzt. Es war ein Fischer aus dem nahe gelegenen Dorf, unbewaffnet, nur mit einem kleinen Netz in der Hand. Schon mehrmals sind sie einander hier begegnet, stets mit Abstand, aber ohne Furcht und immer mit einem verhaltenen Lächeln.

Großvater stand auf und deutete ihm näher zu kommen. Das Gewehr blieb im Sand. Als sie sich nun das erste Mal gegenüber standen, hob der Fischer sein Netz und zeigte auf ein paar frisch glänzende Sardinen. Er nahm eine heraus, biss ihr den Kopf ab und spuckte ihn in den Sand. Dann steckte er sich den kleinen Fisch in den Mund, kaute lächelnd und reichte auch Opa eine Sardine. Großvater machte es ihm nach und war überrascht, von diesem archaischen Geschmack. Als Dank schenkte er dem Fischer eine Schachtel Streichhölzer. Der Mann nickte lächelnd und ging seines Weges. Es war die einzige Begebenheit, die Großvater je vom Krieg erzählte.

Viele Jahrzehnte später führte mich meine erste, längere Reise nach Kreta. Ich erkundete den Norden, den Westen und landete schließlich in einem kleinen Fischerdorf im südlichen Teil der Insel. Makrigialos. Mit dem Rucksack unterwegs, lernte ich ebenso Kreter wie Reisende aus anderen Ländern kennen. Darunter ein junger, französischer Arzt, der so wie ich alleine trampte. Als wir in der einzigen Taverne des Dorfes bei einer Karaffe Retsina und grünen Oliven saßen, kam der Wirt an unseren Tisch und kredenzte uns einen Teller mit frisch gebratenen Sardinen, obwohl wir die gar nicht bestellt hatten. Einfach aus einer Laune heraus und mit einem herzhaften Lachen, bei dem sich die Enden seines ergrauten Schnauzers in die sonnengebräunten Wangen gruben. In der Sekunde sah ich Großvater neben diesem gastfreundlichen Kreter stehen und in eine dieser Sardinen beißen.

© Christian Leimer 09.07.2020

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