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Anna

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Anna | story.one

"Aber ich war zuerst dran ..." Ich verfluchte diesen Satz. Wie kann man nur so bescheuert antworten ärgerte ich mich, während die smarte Blondine gedämpft losprustete. Offenbar machte ich ein derart verzwicktes Gesicht wie Greta Thunberg, wenn sie gerade eine kaputte Autobatterie im Biomüll entdeckt.

Die Schlacht am Büchertisch ging zwar an mich, doch mit enormen Verlusten. Mein Imagewert startete außer Sichtweite und meine Zunge schmerzte höllisch nach dem Biss. Wahrscheinlich dachte sie, ich lass dem armen Napoleon diesen einen Kampf, den Krieg gewinne ich sowieso. Wir einigten uns rasch auf Waffenstillstand. Ich durfte das Buch behalten und musste ins Kaffeehaus einladen.

"Servus Herr Direktor, heut' bist aber spät dran!" begrüßte mich Oberkellner Viktor im Café Prückel und schielte neugierig auf meine Begleitung. Ich stellte Anna meinem Freund vor, der uns galant einen Fensterplatz anbot und g'schaftig ein paar nicht vorhandene Bröserl vom Tisch bugsierte. "Heute gibt's Krautfleckerl!" schlug Viktor freudig vor. Ich winkte dankend ab, deutete auf meine geschwollene Zunge und lispelte: "Für mich bitte ein kleines Menü" (Mokka mit Rossbacher). Nachdem ich Viktor von unserem Kampf um den neuen De Carlo berichtet habe, beugte er sich zu Anna vor und meinte beschwichtigend: "Er is eh ned immer so, aber jetzt bestellen's was Ordentliches. Das hat er verdient." Anna lachte auf, blieb vorerst aber klassisch bei Melange und Apfelstrudel.

Der Rossbacher brannte abartig auf der Zunge und machte sie fast taub. So überließ ich vorerst Anna das Feld. Sie erzählte von ihrem Job im Innenministerium. Im psychologischen Dienst prüft sie Bewerber, bevor diese eingestellt werden. "Das mach' ich aber nur vorübergehend, denn nächstes Jahr fange ich in der Praxis meines Vaters an" ergänzte sie rasch und nippte an der Melange, die einen zarten, weißen Flaum über ihrer Oberlippe zurückließ. Mein Zeigefinger machte automatisch eine Wischbewegung vor dem Mund.

"Psychotherapeutin, aha" dachte ich viel laut und fühlte mich in der Sekunde durchleuchtet. Meine Unsicherheit leider nicht verbergend hakte ich zögernd nach: "Behandelst du dann auch schwierige Fälle?"

"Natürlich! Bei mir liegen sogar neurotische Bücherturm-Dreher auf der Couch. Aber die sind schwer heilbar". Na bravo. Jetzt kommt wohl alles zurück, stellte ich fest und lächelte gequält, nicht nur wegen der geschwollenen Zunge.

"Naja, so lange keine Serienkiller dabei sind ..."

"... noch nicht!" fiel Anna mir ins Wort und griff in ihre Handtasche. Sie holte ein Taschenbuch hervor und legte es grinsend auf den Tisch. Der Todesengel von Rostow, Porträt eines russischen Massenmörders.

"JESSAS NA" entkam es mir erneut an diesem Nachmittag. "Du hast das nach mir einfach mitgenommen?"

"Ich will schließlich am Laufenden bleiben. Und wenn du den neuen De Carlo gelesen hast, dann können wir tauschen. Was meinst du?"

"VIKTOR! Noch zwei Rossbacher bitte ..."

© Christian Leimer 09.04.2020

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