Tu felix Austria ...

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Tu felix Austria ... | story.one

Gestern war es wieder mal soweit. Eine Therapiestunde mit mir selbst. Die Ängste über Covid 19 haben sich verflüchtigt und anderem Unmut Platz gemacht. Wir haben jetzt 2 Monate auf jeden Konsum verzichtet - ausgenommen Lebensmittel sowie ein paar Klorollen - und unsere Wirtschaft ist nahezu pleite. Nicht nur unsere. In anderen Ländern ist es weit schlimmer. Aber was sagt uns das? Brauchen wir im Grunde gar nicht so viel, wie wir immer meinen? Kann man nicht mit weit weniger viel glücklicher sein? Und warum sollen wir Menschen jetzt wieder mehr konsumieren? Etwa nur, damit es der Wirtschaft wieder gut geht? Aber das ist lange nicht alles, was derzeit fraglich erscheint.

Höchste Zeit für einen gedanklichen Besuch in der Berggasse 19. Vermummt in einer dicken Jacke legte ich mich auf die Terrasse. Am Vormittag war es noch schattig-frisch. In den Büschen herrschte reger Flugverkehr, Amseln stritten sich um eine Beute. Mein Kater beobachtete dieses Schauspiel gelangweilt, weil satt. Ein paar Milchtropfen glänzten noch in seinem Schnurrbart ...

Ich nippte am heißen Kaffee und schloss die Augen. Schlummernd hörte ich Annas Stimme. Mit verschmitztem Lächeln öffnete sie die Tür: "Kommen's nur weiter, der Herr Doktor ist im Salon".

"... wir versuchen mit Unsummen eine Fluglinie zu retten, die ökonomisch betrachtet tot ist. Ein Unternehmen, das gar nicht mehr uns gehört. Wir geben hoch bezahlten Fußballprofis psychologische Unterstützung, damit sie sich im leeren Fußballstadion nicht fürchten. Unsere Politik verteilt die Milliarden wie Kugelschreiber vor einem Wahlsonntag. Jeder, der einen gesunden Arm zum Aufzeigen hat, bekommt Geld, das er nicht zurückzahlen muss. Bloß bei jenen, die es bitter notwendig brauchen, kommt es nicht an. Was meinen Sie dazu, Herr Doktor?"

Dr. Freud hustete unsichtbar hinter einer blauen Rauchwolke hervor und murmelte: "Tu felix Austria ..."

Womöglich hat er recht, sinnierte ich. Politiker erklären uns permanent, dass wir die schlimmste Katastrophe seit dem 2. Weltkrieg durchmachen. Doch ich mag und kann das nicht glauben.

Meine Großeltern haben diese 'schlimmste Katastrophe' tatsächlich erlebt und durchlitten. Sie hatten damals nichts und bauten darauf eine neue Zukunft. Mit unerhört viel Mut, Zuversicht und harter Arbeit. Ein Geldregen erschien ihnen bestenfalls im Traum. Würde man ihnen heute erzählen, wie es bei uns zugeht, über was die Menschen jammern und klagen - unsere Großeltern würden nichts davon begreifen.

"Entschuldigung Herr Doktor, was sagten Sie eben?" Dr. Freud zog an seiner Virginia, hustete erneut stark und meinte nur: "Tu felix Austria ..."

Ein unangenehmer Druck auf meinem Bauch holte mich jäh aus der Traumwelt. Der Kater saß frech auf mir und erklärte die Therapiestunde für beendet. Schade um diesen Traum! So gerne wollt' ich jetzt noch ein Stück weiter und eine liebe Freundin besuchen, die gleich um's Eck wohnt, aber das ist ja eine ganz andere Geschichte ...

© Christian Leimer